Mittelerde: Schatten des Krieges – die Open-World-Action im Test

Eines der besten Action-Adventures der letzten Jahre findet endlich seine Fortsetzung. Die ist nicht bloss deutlich grösser und schöner, sondern auch besser.

von Martin Mayer 06.10.2017

Kämpfen wie Batman, klettern wie Ezio aus Assassin's Creed und das Ganze in jener finsteren Welt, die Autor J.R.R. Tolkien für «Der kleine Hobbit» und «Der Herr der Ringe» erdachte. Damit haben wir Warners 2014 gestartete Mittelerde-Reihe allerdings nur grob umrissen. Denn genau wie der Vorgänger «Mordors Schatten» hat «Mittelerde: Schatten des Krieges» im Detail noch wesentlich mehr zu bieten und überflügelt Teil 1 mit seinen zahlreichen Neuerungen und Verbesserungen deutlich.

«Mittelerde: Schatten des Krieges» ist deutlich vielfältiger als der Vorgänger «Mittelerde: Schatten des Krieges» ist deutlich vielfältiger als der Vorgänger Zoom© Games.ch

Das kongeniale Duo ist zurück!

Im Zentrum der Handlung von «Mittelerde: Schatten des Krieges» steht einmal mehr der Waldläufer Talion. Der verlor bereits zu Beginn des ersten Teils erst seine Familie und schliesslich auch sein eigenes Leben. Doch der elbische Geist Celebrimbor holte ihn aus dem Reich der Toten zurück, um gemeinsam mit ihm Rache am dunklen Herrscher Sauron zu üben. Allerdings wird Sauron immer stärker und lässt seine Horden von Orks und Uruk-hais die letzten Aussenposten der freien Völker Mittelerdes angreifen. Das gilt auch für Minas Ithil, die mächtige Trutzburg Gondors am Rande des Landes Mordor. Die neun Ringgeister, die sogenannten Nazgûl, haben sich der Eroberung der Stadt höchstselbst angenommen. Der oberste Ringgeist von ihnen, der Hexenkönig, ist dem Siege sehr nahe, um Minas Ithil endgültig zur Schattenversion Minas Morgul zu machen.

Talion (ganz links) und Elbengeist Celebrimbor im Wald von Carnán bilden immer noch ein unzertrennliches Duo Talion (ganz links) und Elbengeist Celebrimbor im Wald von Carnán bilden immer noch ein unzertrennliches Duo Zoom© Games.ch

Und es kommt, wie es kommen muss: Der Hexenkönig siegt, doch Talion und Celebrimbor haben noch ein Ass im Ärmel. Denn mithilfe von Celebrimbors Ring der Macht, kann Talion Orks beherrschen. Was also wäre, wenn man diese Fähigkeit nutzte, um eine Ork-Armee gegen die Festungen Saurons in die Schlacht zu schicken? Genau aus diesen Schlachten besteht eine der neuen Herausforderungen in «Mittelerde: Schatten des Krieges». Das aus dem Vorgänger bekannte Nemesis-System wurde von Entwickler Monolith Productions dafür sinnvoll erweitert und verbessert.

Beherrschen Sie die Orks!

Der von Celebrimbor einst geschmiedete Ring der Macht verleiht Held Talion und damit auch Ihnen eine besondere Fähigkeit. Mit der Hilfe des Rings können Sie nämlich die Orks, die den Schutzwall der Festungen in den fünf Spielgebieten formen, beherrschen. Beherrschen bedeutet, dass die Grünhäute fortan Ihrem Befehl folgen. Sie können einen davon zu Ihrem persönlichen Leibwächter ernennen und ihn dann im Kampf praktisch jederzeit an Ihre Seite rufen. Mit den besonders starken Ork-Anführern können Sie regelrecht eine persönliche Feindschaft aufbauen. Denn der erste Kampf mit einem von ihnen muss nicht unbedingt der letzte sein – und an das, was zuvor passiert ist, werden sich die schlagkräftigen Haudegen immer erinnern. Haben Sie ihnen mittels Feuer Schaden zugefügt, ist den Widersachern das auch in Form von Brandnarben anzusehen. Umgekehrt gilt das genauso. Denn da Talion nach jedem Tod erneut von Celebrimbor wiederbelebt wird, dürfen auch Sie Ihrem Mörder später erneut gegenübertreten und sich an ihm rächen.

Ork-Anführer Brûz können Sie beherrschen, um eine eigene Armee aufzubauen Ork-Anführer Brûz können Sie beherrschen, um eine eigene Armee aufzubauen Zoom© Games.ch

Die Beherrschung funktioniert aber nicht bloss bei den Ork-Anführern, sondern auch beim gewöhnlichen, namenlosen Ork-Fussvolk. Beherrschen Sie in einem Gebiet etwa einige der Speerwerfer auf den Dächern, bringt Ihnen das im Kampf am Boden ebenfalls einen Vorteil ein. Die beherrschten Ork-Anführer können Sie vielfältig einsetzen. Beherrschen Sie beispielsweise die Leibwächter eines höherrangigen Orks eines Festungswalls, dürfen Sie ihn auch als Spion aussenden. Damit schalten Sie eine Hinterhaltsmission gegen den höheren Ork frei, wobei der Spion ihm in den Rücken fallen und Talion im folgenden Kampf unterstützen wird. Mit solchen Mitteln schwächen Sie nach und nach die Verteidigung der Festung und setzen Ihre beherrschten Orks schliesslich bei der eigentlichen Eroberungsschlacht ein.

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Meine Ork-Armee, meine Anführer, mein Sieg

Bevor Sie die Belagerungsschlachten starten, können Sie (abhängig von der Charakterstufe Talions) bis zu sechs Anführer aus den Reihen Ihrer beherrschten Orks wählen. Die kämpfen dann aber beim Angriff nicht bloss an Ihrer Seite. Für jeden davon dürfen Sie einen Angriffs-Bonus aktivieren und beispielsweise einen mächtigen Kriegsgraug mitnehmen, zusätzliche Fernkämpfer oder berittenen Einheiten auf Caragors mit in die Schlacht führen. Die Belagerungsschlacht selbst besteht dann aus mehreren Phasen. Zunächst gilt es, eine unterschiedlich grosse Anzahl an Siegpunkten einzunehmen. Haben Sie alle davon übernommen, steht Ihnen schliesslich der Weg in die eigentliche Festung frei, um sich dort mit dem Oberherrn anzulegen.

Wenn sich Drachen in den Kampf einmischen, ist niemand mehr sicher, weder Freund noch Feind Wenn sich Drachen in den Kampf einmischen, ist niemand mehr sicher, weder Freund noch Feind Zoom© Games.ch

Besiegen Sie auch den, gehört die Festung Ihnen – wenigstens vorerst. Dann befördern Sie Ihre Orks frei nach Schnauze zu Ihren Verteidigungs-Anführern und lassen sie die Festung etwa mit Belagerungsbestien, die Flammenkugeln auf die Feinde verschiessen, wappnen. Das ist auch wichtig, denn in einer weiteren Stufe gilt es, die zuvor eroberte Festung als Verteidiger vor der Rückeroberung zu bewahren. Aber keine Sorge: Der Angriff kommt nicht einfach so. Auch dieser Aufgabe stellen Sie sich erst dann, wenn Sie die Mission aktivieren! Angriffe auf Ihre Festung können jedoch stattfinden, wenn auch ohne negative Konsequenzen für den Status Ihrer Spielwelt in «Mittelerde: Schatten des Krieges». Stimmen Sie vor dem Spielstart zu, dass auch die Onlinefunktionen aktiviert werden, können andere Spieler Ihre Festungen attackieren. Wie gesagt: Ihrer Festung passiert nichts, auch wenn andere Spieler sie erobern sollten. Rüsten Sie Ihre Festung allerdings gut auf, erhalten Sie zusätzliche Belohnungen, wenn der Angreifer scheitert.

Vielfältiger Kombo-Kampf

Am Kampfsystem selbst verändert sich im Vergleich mit dem Vorgänger auf den ersten Blick nur wenig. Wie schon in «Mordors Schatten» spielt sich «Mittelerde: Schatten des Krieges» ähnlich wie die Spiele der Batman-Arkham-Reihe von Rocksteady Entertainment. Primär kämpfen Sie mit Talions Schwert, töten umgestossene Orks mit dessen Dolch in Form eines sogenannten Boden-Todesstosses, kontern feindliche Angriffe auf Knopfdruck oder entfleuchen den Hieben, indem Sie auch mal über die Köpfe von Gegnern hinwegspringen. Das klingt nicht bloss nach Spass, das macht auch Spass!

Wenn Sie die entsprechenden Fähigkeiten besitzen, können Sie auch sämtliche Arten von Bestien reiten, in diesem Fall einen Caragor Wenn Sie die entsprechenden Fähigkeiten besitzen, können Sie auch sämtliche Arten von Bestien reiten, in diesem Fall einen Caragor Zoom© Games.ch

Einige Neuerungen im Vergleich zum Vorgänger gibt es aber. So können Sie mittels der über Missionen sowie über Stufenaufstiege freigeschalteten Lernpunkte Ihre Möglichkeiten stärker erweitern als bislang. Bestimmte Fähigkeiten erlauben etwa eine kurzzeitige Eineisung des Gegners, wenn Sie über dessen Kopf springen. Zu den Geisterfähigkeiten: Celebrimbor und Talion sind immer in Personalunion unterwegs. Zu ihnen zählt unter anderem der Elbensturm. Haben Sie die sogenannte Fokus-Leiste im Kampf komplett aufgefüllt, lassen Sie diesen mächtigen Angriffssturm los, der Ihnen zig schnelle Angriffe auf die Gegner erlaubt, während Sie selbst immun gegen jeglichen Schaden sind.

Sie können auch die Umgebung zu Ihrem Vorteil nutzen: Explosive Fässer mit Ihrer Fernkampfwaffe in die Luft jagen gehört genauso dazu, wie Fleischköder damit zu aktivieren, um Ghule, Caragor oder Graugs aus der Umgebung anzulocken. Haben Sie die entsprechenden Fähigkeiten aktiviert, dürfen Sie all die genannten Biester, ja sogar Drachen, auch beherrschen, sie reiten und damit Ihre Gegner bekämpfen. Hatten wir bereits erwähnt, dass das Spass macht?

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Mehr Loot tut gut

Die Freischaltung neuer Fähigkeiten ist aber nicht die einzige Möglichkeit, Talion besser für den Kampf zu rüsten. Jeder getötete oder beherrschte Ork-Anführer hinterlässt zudem ein Ausrüstungsteil, was unter anderem ein neues Schwert, ein neuer Dolch oder auch eine neue Rüstung sein kann. Je höher der Rang der neutralisierten Anführers ist, desto besser ist auch tendenziell die Beute. So erhöhen Sie den ausgeteilten Schaden oder auch die maximale Menge an Macht – was die Energieleiste darstellt, die Ihnen im Kampf Soforttötungen normaler Gegner ermöglicht. Zusätzlich können Sie diese Items mit Juwelen aufwerten, die Sie bei bestimmten Gegnern abgreifen oder als Missionsbelohnungen erhalten. Aber bereits ohne diese Juwelen bringen die Ausrüstungsobjekte nicht bloss bessere Charakterwerte, sondern auch spezielle Bonuseffekte mit. Das kann eine schnellere Aufladung Ihrer Macht sein oder ein erhöhter Verteidigungswert für beherrschte Orks, die gerade an Ihrer Seite kämpfen.

In «Mittelerde: Schatten des Krieges» können Sie solche Items, aber auch beherrschte Orks für die Belagerungsschlachten oder Boost-Effekte zum Beispiel für die Erfahrungspunkte auf einem spielinternen Marktplatz erwerben – auch, indem Sie echtes Geld dafür ausgeben und nicht bloss die im Spiel freigespielte Währung. Allerdings müssen Sie sich darüber keine Gedanken machen. Zum einen motiviert das Spiel mit seinen Spielsystemen, es ohne solche Hilfsmittel zu schaffen. Zum anderen finden Sie mehr als ausreichend neue Orks, Items und so weiter, um gar nicht erst in Verlockung zu geraten. Dennoch ist es ärgerlich und unverständlich, weshalb Warner überhaupt Mikrotransaktionen eingebaut hat.

Bevor Sie eine Belagerungsschlacht starten, sollten Sie die Festung schwächen und genügend beherrschte Orks haben Bevor Sie eine Belagerungsschlacht starten, sollten Sie die Festung schwächen und genügend beherrschte Orks haben Zoom© Games.ch

Grösser, offener, mässig ausbalanciert

«Mittelerde: Schatten des Krieges» bietet mit seinen fünf Gebieten, seinen unterschiedlichen Storyquest-Strängen (in einem müssen Sie einen von den Orks befreiten Balrog wieder aus der Welt vertreiben) und unzähligen Nebenmissionen deutlich mehr und wesentlich mehr Umfang als der Vorgänger. Darunter leidet allerdings auch bisweilen die Kernstory. Theoretisch können Sie sich zig Stunden mit ganz anderen Dingen beschäftigen, ohne dass erzählerisch gross etwas passiert. Wem es allerdings vor allem um die Story geht, der muss sich mit den Open-World-Inhalten und Nebenmissionen gar nicht gross beschäftigen. Denn die Story-Aufträge sind für relativ niedrige Charakterstufen ausgelegt und können auf Wunsch auf fast ohne Open-World-Inhalte zu spielen, genutzt werden.

Perfekt ausgewogen ist der Schwierigkeitsgrad allerdings nicht. Schon früh können Sie sich theoretisch in Situationen begeben, welche die Fähigkeiten Talions übersteigen. Orientieren Sie sich hingegen an den Stufen der Orks in den verschiedenen Gebieten und absolvieren die Gebiete aufsteigend nach dem Schwierigkeitsgrad, werden Sie «Mittelerde: Schatten des Krieges» wohl eher als etwas zu leicht empfinden. Allerdings haben Sie ausreichend Möglichkeiten, den Anspruch an Ihre Vorlieben anzupassen. Denn die drei wählbaren Schwierigkeitsstufen dürfen Sie zu jeder Zeit nach oben oder unten anpassen.

An der Grafik werden Sie allerdings selten etwas auszusetzen haben. Denn «Mittelerde: Schatten des Krieges» sieht richtig gut aus und steigert sich bei Texturqualität, Effekten und eigentlich in jedem technischen Aspekt im Vergleich zum diesbezüglich bereits sehr guten Vorgänger. Einen gewissen Mangel in der Präzision der Steuerung ist allerdings nicht zu verleugnen, was ganz besonders beim Klettern zum Ausdruck kommt. Aber das sind letztlich alles Kleinigkeiten: Wenn Sie ein richtig starkes, umfangreiches und vielfältiges Spiel im Universum von J.R.R. Tolkien suchen, dann liegen Sie mit «Mittelerde: Schatten des Krieges» goldrichtig.

«Mittelerde: Schatten des Krieges» ist bedeutend grösser, was allerdings auch ein wenig der Spielbalance in die Quere kommt «Mittelerde: Schatten des Krieges» ist bedeutend grösser, was allerdings auch ein wenig der Spielbalance in die Quere kommt Zoom© Games.ch

Fazit

«Mittelerde: Schatten des Krieges» liefert ein in jedem Aspekt erweitertes und verbessertes Angebot im Vergleich zum bereits sehr guten Vorgänger. Das Nemesis-System ist mindestens genauso stark wie die Belagerungsschlachten selbst, die Grafik ist gut und das Open-World-Angebot deutlich vielfältiger als es noch in «Mordors Schatten» der Fall war. Das stark erweiterte Charaktersystem von Talion ist zudem ungemein motivierend, sodass man sich ernsthaft fragen muss, weshalb es überhaupt den gänzlich überflüssigen Marktplatz mit Lootboxen und Boosts gibt. Einziger Wermutstropfen ist die Spielbalance, die je nach Ihrem Spielverhalten schnell dafür sorgen kann, dass Sie sich in den Missionen leicht unterfordert fühlen könnten.

Tags: Games
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