«Liberalisierungsfeindlicher Markt» zwingt Commcare zum Rückzug
Die Commcare muss sich der Realität der Rahmenbedingungen des Marktes anpassen und konzentriert sich wieder auf ihre Kernkompetenz.
An der Aktionärsversammlung von gestern sind die Weichen für die Zukunft der Commcare endgültig gestellt worden. Die Netz-Infrastruktur soll verkauft werden, das Know-How im Bereich Services erhalten und als Geschäftsfeld weitergeführt werden. Dies gab der Verwaltungsrat an einem Mediengespräch heute Morgen in Zürich bekannt.
Die Commcare wurde 1988 gegründet und hat sich auf Netzwerkdienste spezialisiert. In den vergangenen zwei Jahren verfolgte die Firma unter ihrem Geschäftsführer und Firmengründer Urs Loeliger die Strategie, mit einem eigenen Netz ihre Dienste vollumfänglich anzubieten.
Eine gute Strategie, wie der ehemalige Verwaltungsrat Hans-Peter Koller wiederholt bestätigte. Doch die Realität des noch nicht vollständig liberalisierten Telekommunikationsmarktes machte die Träume zunichte.
Anfang November stiess das Bundesgericht einen Entscheid der Kommunikations-Kommission (ComCom) um, der die Swisscom verpflichtet hätte, ihre Mietleitungen Drittanbietern zum Selbstkostenpreis zugänglich zu machen [1]. Die daraus entstandenen höheren Kosten und die Nachforderungen der Swisscom verunmöglichten einen wettbewerbsfähigen Dienst der Commcare und führten zu einer Überschuldung des Unternehmens. "Es ist dramatisch, dass eine Firma wie die Commcare zu wenig Schnauf hat in diesem Business", kommentierte Koller die Folgen.
Urs Haug, Mitglied der Geschäftsleitung, stellte zusätzlich fest: "Sobald man Mietleitungen braucht, ist man nicht mehr wettbewerbsfähig". Und als Betreiberin der letzten Meile ist die Swisscom immer noch die einzige Firma, die nicht auf solche Leitungen angewiesen ist.
Insgesamt hatten sich durch die veränderten Bedingungen Schulden in der Höhe von mindestens 9,2 Millionen Franken angehäuft. Zudem mussten die Aktiven der Firma neu bewertet werden. Ein Umstand, der schliesslich zum Bruch mit dem bisherigen Geschäftsführer Urs Loeliger führten. Dieser versuchte an der gestrigen Aktionärsversammlung noch die Firma unter seine Kontrolle zu bringen, in dem er den Aktionären ihre Anteile abkaufen wollte [2]. Sein Vorschlag vermochte jedoch niemanden zu überzeugen und er wurde an derselben Veranstaltung aus dem Verwaltungsrat abgewählt.
Was jetzt beschlossen wurde, ist eine Zurückbesinnung auf die eigentlichen Kompetenzen der ehemals sehr erfolgreichen Firma. Die Netze mitsamt den Kunden werden an einen der Interessenten verkauft, mit denen die Commcare in Verhandlungen steht. Wer das ist, war noch nicht zu erfahren. Von den anfangs Jahr 104 Mitarbeitenden, von denen viele bereits in einer ersten Entlassungswelle den "Blauen Brief" erhielten, sollen noch 45 bis 50 weiter beschäftigt werden. Sie werden in Servicebereichen wie etwa Sicherheit und Business-Solutions weiter arbeiten.
Ob es tatsächlich so weit kommt, wird ein Richter entscheiden müssen. Die Commcare hat Ende letzte Woche nämlich Nachlassstundung beantragt. Morgen findet eine erste Anhörung statt.
Die anwesenden Verwaltungsräte, Mitglieder der Geschäftsleitung und der Sanierer sehen die Schuldigen klar: Das Bundesgericht mit seinem Urteil, das auf eine Politik abstützt, die "Swisscom-freundlich" und liberalisierungsfeindlich sei. Die grossen Investitionen der Vergangenheit und die Abwertung der Aktiven nach dem Bundesgerichtsentscheid haben zu einer so grossen Überschuldung geführt, die nach Überzeugung der Anwesenden nur einen einzigen Weg offen liess: Rückzug aus dem Markt und der (erst gerade angefangene) Versuch, zu retten, was zu retten ist.
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