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«Wir können die chinesischen Gesetze nicht einfach missachten»

Seit 2004 ist Google mit einer eigenen Forschungsabteilung in Zürich präsent. Im Interview mit dem PCtipp zieht der Suchprimus ein erstes Fazit, spricht über die Firmenphilosophie und äussert sich zur Kritik über seine China-Ambitionen.
blue_quad von Sascha Zäch (04.05.2006)
Google betreibt in Zürich seine wichtigste Europa-Niederlassung; mit Spitzenforschern aus dem ganzen Kontinent. Bislang gab sich die Suchfirma jedoch immer sehr zugeknöpft. Zur Lancierung des Programmierwettbewerbes Google Code Jam Europe [1] tritt das Unternehmen auch hierzulande erstmals gross an die Öffentlichkeit. Der PCtipp nutzte die Gelegenheit für ein Interview mit Max Ibel, einem der drei Site Leads von Google Schweiz. Max Ibel zeigte sich als aufgeschlossener Interviewpartner, der auch kritischen Fragen nicht auswich.
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PCtipp: Was genau ist die Funktion von Google Schweiz?
Max Ibel: Wir sehen den Schweizer Sitz als eine Art Mini-Mountain-View (Hauptsitz von Google, Anm. der Redaktion). Wir möchten hier alles tun, was auch im Hauptsitz getan wird; einfach in einem kleineren Rahmen. Die Mitarbeiter sollten nicht langweilige Dinge ausführen müssen, wie etwa diese Schaltfläche auf Deutsch und jene auf Französisch zu übersetzen.
PCtipp: Sie entwickeln in Zürich also auch eigene Produkte?
Ibel: Ja, genau. Ich kann zwar nichts über Projekte verraten, die noch in Entwicklung sind - das ist einer unserer Grundsätze - es gibt aber Produkte, an denen ich mitgearbeitet habe und die bereits lanciert worden sind.
PCtipp: Könnten Sie uns ein paar nennen?
Ibel: Da wäre etwa Google Sitemaps [2], ein Tool für Webmaster. Es optimiert die Indexierung von Webseiten und stellt ausführliche Nutzungsstatistiken zusammen. Erst vor wenigen Tagen ist zudem eine Europaversion von Google Maps [3] lanciert worden. Sie zeigt sogar Strassenkarten von Zürich an. Dann gibt es noch Projekte zur Verbesserung der Suchresultate, vor allem für Europa. Dazu müssen wir unter anderem die Eigenheiten der verschiedenen Länder berücksichtigen.
PCtipp: Der Schweizer Sitz hat also auch die Rolle, die europäischen Google-Dienste zu verbessern?
Ibel: Exakt! Aber nicht nur was Sprache anbelangt, sondern auch Verhaltensweisen. Bei der Produktentwicklung gilt es zu überlegen, wie etwas in einem anderen Land funktioniert. In Europa sind etwa öffentliche Transportsysteme viel wichtiger als in den USA. Das ändert die Art, wie Leute einen bestimmten Dienst nutzen.
PCtipp: Google ist seit zwei Jahren in Zürich. Wie lautet Ihr Fazit?
Ibel: Es ist sehr positiv. Wir haben uns für Zürich entschieden, weil die Stadt äusserst attraktiv ist. Sie liegt im Herzen von Europa. Die Schweiz ist dreisprachig. Deshalb kommen die Leute auch gerne von Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich hierher. Ausserdem bietet Zürich ein gutes Lohnniveau und Bildungssystem. Die ETH Zürich ist eine der Spitzenhochschulen in Europa. Wir möchten Leute von überall anziehen - auch von hier. Und es funktioniert: Bis jetzt haben wir sehr gute Leute gefunden, sowohl von ausserhalb als auch in der Schweiz. Heute arbeiten in Zürich etwa 60 Techniker. Insgesamt sind es um die 80 Angestellte. Wir sind aber noch immer am expandieren und versuchen viele neue Talente anzuwerben.
PCtipp: Arbeiten Sie auch direkt mit den Schweizer Hochschulen zusammen?
Ibel: An traditionellen Studentenanlässen wie der ETH Kontaktparty machen wir mit. Zudem sind wir dabei, Beziehungen mit den Hochschulen aufzubauen. Unser Ziel ist aber noch nicht erreicht.
PCtipp: Was gibt es denn für Pläne?
Ibel: Google hat zum Beispiel Subventionsprogramme. Dort können sich Hochschulen und Professoren mit Projekten bewerben. Ein Komitee sieht sich diese an und entscheidet über die Unterstützung. Ich glaube, einiges ist da schon am Laufen. Aber, es ist noch zu früh für definitive Aussagen.
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PCtipp: Das Ziel von Google ist es, "die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar zu machen". Wie weit sind Sie dem schon nahe gekommen?
Ibel: (lacht) Wir sind noch weit, weit entfernt. Fragen Sie in 200 Jahren wieder. Nein, ernsthaft! Es gibt noch viele Informationen, die wir nicht kennen. Auch die richtige Schnittstelle ist noch nicht klar. Vorstellbar wäre, dass man in Zukunft dem Computer sagen könnte: "Zeige mir einen schönen Ort im Tessin für die Herbstferien." Der Computer würde dies verstehen und mir mehrere Vorschläge geben, vielleicht dabei noch meine Vorlieben für bestimmte Ferienhäuser berücksichtigen.
PCtipp: Wie viele Bytes an Daten verwaltet Google?
Ibel: Das kann ich leider nicht kommentieren.
PCtipp: Wird es in Zukunft überhaupt noch möglich sein, all diese Daten zu verwalten?
Ibel: Es ist natürlich eine grosse Herausforderung. Wir haben aber eine gute Ausgangslage, da wir bereits mit riesigen Datenmengen umgehen müssen. Das macht die Arbeit bei Google aber auch so spannend und ist einer der Gründe, wieso ich hier arbeite.
PCtipp: Die Verwaltung so riesiger Datenmengen bringt auch eine grosse Verantwortung mit sich. Wie geht Google damit um?
Ibel: Der Schutz von Daten und Privatsphäre ist für uns sehr wichtig. Dafür gibt es entscheidende Gründe. Anwender würden unsere Dienste nicht mehr nutzen, wenn sie sich nicht sicher fühlten.
PCtipp: Eine von Googles Grundsätzen lautet: "Es ist das Beste, eine Sache wirklich gut zu machen". Immer mehr Projekte liegen aber ausserhalb von Googles Kernkompetenz. Haben Sie keine Angst, dass dies der Qualität der Produkte schaden wird?
Ibel: Sie können dies auch auf andere Art sehen. Nehmen Sie zum Beispiel Gmail. Für Sie ist es vielleicht ein normaler E-Mail-Dienst. Ich verwende ihn aber vor allem zum Verwalten und Suchen von Nachrichten. Die Suche endet nicht einfach im Web, sondern ist für viele andere Dinge wichtig.
PCtipp: Google hat einen sehr guten Ruf. Der Eintritt in den chinesischen Markt hat aber erstmals zu vielen negativen Reaktionen geführt. Sie machen dort dem Benutzer nicht mehr alle Informationen verfügbar, sondern zensieren Suchresultate. Spielen bei Google plötzlich wirtschaftliche Interessen eine grössere Rolle als die Anwender?
Ibel: Diese Geschichte wurde intern sehr heftig diskutiert. Wir haben uns aber überlegt, was die Optionen sind. Es ist keine Option, nach China zu gehen und das dortige Gesetz zu ignorieren. Wir würden unsere Mitarbeiter gefährden. Eine zweite Option: Wir könnten uns sagen, dass wir einen bestimmten Staat boykottieren. Würde es den Anwendern helfen, wenn sie unsere Dienste nicht nutzen könnten? Meiner Meinung nach nicht. Klar gibt es auch wirtschaftliche Gründe, das sind aber nicht die einzigen. Wir zeigen den Nutzern zudem ganz genau, wenn Resultate gemäss geltenden chinesischen Gesetzen zensiert werden.
PCtipp: Herr Ibel, vielen Dank für das Interview.


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