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Phonebloks bleibt vorerst Zukunftsmusik

Die Designstudie eines modularen Smartphones namens Phonebloks machte die Runden durch das Netz, scheint aber etwas futuristisch. Zwar ist das Projekt technisch machbar, in brauchbarem Rahmen aber erst in einigen Jahren.

von Luca Diggelmann 23.09.2013
Phonebloks ist wohl noch einige Jahre von der Machbarkeit entfernt Phonebloks ist wohl noch einige Jahre von der Machbarkeit entfernt Zoom Bei dem modularen Handy Phonebloks handelt es sich im das Projekt des niederländischen Designers Dave Hakkens. Phonebloks soll ein Smartphone aus einzelnen Bauteilen in Blockform werden. So sollen die Einzelteile einfach ausgewechselt und das Smartphone personalisiert werden. Die einzelnen Bauteile werden mit je vier Pins auf eine Basis aufgesteckt und dann befestigt. Durch die modulare Bauweise und das einfache Austauschen von Elementen soll ein Phonebloks-Handy länger halten als ein herkömmliches Smartphone. Dies soll wiederum der steigenden Masse von Elektroschrott entgegenwirken.

In dem ganzen Hype um Phonebloks stellt sich immer wieder eine Frage: Ist so etwas technisch machbar? Prof. Dr. Jürg Luthiger und Prof. Dr. Dominik Gruntz von der Fachhochschule Nordwestschweiz nehmen gegenüber PCtipp Stellung zu der technischen Umsetzung von Phonebloks.

Die vier Probleme

Prof. Dr. Jürg Luthiger (l.) und Prof. Dr. Dominik Gruntz von der Fachhochschule Nordwestschweiz sehen noch einige Probleme für Phonebloks Prof. Dr. Jürg Luthiger (l.) und Prof. Dr. Dominik Gruntz von der Fachhochschule Nordwestschweiz sehen noch einige Probleme für Phonebloks Zoom Rein technisch sei das Projekt umsetzbar, so Luthiger und Gruntz. Es gebe allerdings vier Probleme, die dem Projekt im Wege stehen könnten.

  • Erstens: die Kommunikation zwischen den Bausteinen. Moderne Smartphones werden in einer hochintegrierten Bauweise gefertigt. Das heisst, dass die einzelnen Komponenten so nahe wie möglich zusammengebaut werden, um die Kommunikationswege kurz zu halten. Bei Phonebloks wird diese Bauweise aufgebrochen, was diese Wege verlängert. Die längeren Kommunikationswege führen wiederum zu einer langsameren Performance. Luthiger und Gruntz zufolge könnte dieses Problem durch das Verwenden optischer Kommunikationskanäle behoben werden. Dadurch würde aber der Preis des Geräts in die Höhe schnellen.
  • Das zweite Problem liegt in der Grösse des Geräts. Durch die modulare Bauweise erhält jede Komponente ein eigenes Gehäuse. Das führt zwangsweise zu deutlich mehr Platzverbrauch. Auf aktuellen Smartphones werden viele Bauteile auf einen einzigen Die verbaut. Bei den beweglichen Teilen von Phonebloks wäre dies nicht mehr möglich. Schlussendlich dürfte das ein Phonebloks-Handy mit heutiger Technik um einiges grösser werden als handelsübliche Smartphones.
  • Die grösste Baustelle versteckt sich möglicherweise hinter dem dritten Problem: die Spezifikation der Schnittstellen. «Bei modularen Systemen sind die Schnittstellen zwischen den Komponenten sehr wichtig», so Luthiger und Gruntz. Damit die einzelnen Komponenten erfolgreich zusammenarbeiten können, braucht es eine Beschreibung und Offenlegung der Schnittstellenspezifikation. Gerade bei der modularen Bauweise von Phonebloks, die mit verschiedenen Herstellern funktionieren soll, braucht es ein starkes, unabhängiges Gremium, das diese Spezifikationen kontrolliert und durchsetzt. Laut Luthiger und Gruntz werden so allerdings die Entscheidungswege ungleich länger, worunter die Flexibilität für neue Ideen leiden könnte.
  • Letztlich wird auch die Software zu einem Problem. Es wird kein Zuckerschlecken, Software an ein ständig wechselndes System anzupassen. Bereits die Vielfalt vieler verschiedener, jedoch fixer, Geräte macht Android zu schaffen. Bei einem Projekt wie Phonebloks sind die Kombinationsmöglichkeiten beinahe unbegrenzt. Die Möglichkeit, Komponenten ohne Weiteres auszutauschen, verschlimmert diese Situation weiter.

Der ökologische und ökonomische Vorteil

Eines der Hauptargumente für Phonebloks ist die Ökologie. Da ein modulares Smartphone einfach selbst repariert werden kann, sinkt die Menge des ausgestossenen Elektroabfalls drastisch. Für Dr. Luthiger und Dr. Gruntz geht Phonebloks hier aber zu weit. Der Endbenutzer brauche so eine extreme Modularität nicht unbedingt. «Es wäre ihm bereits gedient, falls man Akku, Bildschirm oder Tasten einfach austauschen könnte – ohne dass Spezialwerkzeug (wie beim iPhone) erstanden werden muss.» Weitere Bedenken kommen hier von Heise.de. Durch den grösseren Platzbedarf der einzelnen Module von Phonebloks wird auch mehr Material verbraucht. Um wirklich ökologisch rentabel zu sein, müssten Phonebloks-Teile entsprechend länger haltbar sein.

Der ökonomische Vorteil von Phonebloks ist ebenfalls etwas unklar. Was, wenn der Grossteil der Phonebloks-Nutzer keinerlei Modifikationen an seinem Handy macht, weil er schlicht zu wenig von der Materie versteht? Sollte jedoch die Modifikation so einfach vonstatten gehen, wie sich das Dave Hakkens vorstellt, könnte durchaus ein attraktiver Markt für die Endbenutzer entstehen. Für die Entwickler sieht die Situation jedoch anders aus: Wegen der längeren Haltbarkeit der Phonebloks-Handys könnten viele Smartphone-Hersteller Verluste einfahren und auf den Einstieg in Phonebloks verzichten.

Eine Idee für die Zukunft

Die Idee von Dave Hakkens findet über weite Strecken hinweg Anklang. Die technische Umsetzbarkeit scheint jedoch noch eine Sache der Zukunft zu sein. Mit zahlbaren optischen Verbindungen und entsprechenden Standards könnte ein Projekt wie Phonebloks in einigen Jahren Realität werden. Ob der Endbenutzer eine derartige Modularität wirklich braucht, wird schlussendlich der Markt und die Investoren entscheiden.


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