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Spam-Paradies Schweiz?

Immer mehr Spammer betreiben ihr zweifelhaftes Geschäft von der Schweiz aus; ganz offiziell. Und manchmal ist es ganz interessant, wo sie herkommen.

von Gaby Salvisberg 15.02.2005

Die meisten Internet Provider führen einen so genannten Abuse-Desk, der normalerweise der Supportabteilung angehört. Die Mitarbeiter eines Abuse-Desks sorgen dafür, dass die eigenen Kunden mit den angebotenen Dienstleistungen keinen Missbrauch (engl. "abuse") betreiben. Das Stoppen von Spam- oder Viren-Versand ist eine der Kernaufgaben eines Abuse-Desks. Erhält er etwa eine Beschwerde darüber, dass aus dem Kreis seiner eigenen Kunden jemand Spam verschickt, mahnt ein Abuse-Desk-Mitarbeiter den Kunden ab oder sperrt ihm im Wiederholungsfall sogar den Internetzugang.

Das funktioniert nicht bei allen Providern gleich gut. Wir fragten Matthias Leisi, Präsident der Swiss Internet User Group (SIUG) [1] nach seinen Erfahrungen: "Die grossen Schweizer Provider haben eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Heute sind etwa die Abuse-Desks von Bluewin und Tiscali (VTX) geradezu vorbildlich, und Sunrise hat in den letzten zwei Jahren massive Fortschritte gemacht". Doch mancherorts bestehe noch Aufholbedarf: "Die Abuse-Desks von Cablecom und Econophone scheinen hingegen kaum zu existieren".

Und was hielte er davon, wenn eine ehemals für einen Abuse-Desk zuständige Person selber zum Spammer würde? Leisi: "Ein solcher Fall wäre in jeder Beziehung einzigartig".

Genau dies müssen Schweizer PC-Anwender aber seit Ende 2004 an der eigenen Mailbox erfahren. Für den Telefon- und Internetanbieter Econophone gehörte der Kampf gegen Werbemails noch nie zu den höchsten Prioritäten [2]. Darum fühlte sich beim Zürcher ISP offenbar über längere Zeit hinweg niemand für den Abuse-Desk zuständig.

Im Herbst 2003 schien aber das Problem plötzlich gelöst. Eine Person namens Michael Zalaba erschien auf der Bildfläche und zeigte sich verantwortlich für die Netzmissbrauchsbelange von Econophone. Wie es sich kürzlich herausstellte, war Zalaba für Econophone bis im Herbst 2004 und nur auf freischaffender Basis tätig. In einer Mail, die dem PCtipp vorliegt, schrieb er über seine Tätigkeit für Econophone: "In diesem Zusammenhang musste ich mich mit dem Thema E-Marketing und Werbung über elektronische Medien sehr intensiv beschäftigen".

    Zoom [3]Zu intensiv, macht es den Anschein! Denn am 9. November 2004, also kurz nach dem Ende von Zalabas Tätigkeit für Econophone, trudelte bei vielen Benutzern eine Spam-Mail ein, die Twixtel-CDs anpries. Die beworbene Firma hiess "Talk and Mail Limited". Ein Blick in den zentralen Firmenindex zeigte gar Erstaunliches: Sekretär mit Einzelunterschrift ist Michael Zalaba. Vor wenigen Tagen spammte die Firma erneut, diesmal für Pfefferspray: Bild: Ein Exemplar der Spam-Mail

Zufall, dass Zalaba als ehemaliger Abuse-Desk-Verantwortlicher ausgerechnet für ein Spam verschickendes Unternehmen arbeitet? Offenbar nicht: Am 12. Dezember 2004 erhielten viele Anwender Spam-Mails mit Werbung für Vitaminpräparate einer Firma "SanNatura" in Bachs. Laut Zürcher Handelsregister war dies damals die Einzelfirma von Michael Zalaba. In einer Mail gab dieser zu: "Ich war an der SanNatura beteiligt und habe für ein Produkt ein Werbemail verschickt".

Dass er aber persönlich auch für den Spam der "Talk and Mail Limited" zuständig ist, mag er gegenüber dem PCtipp nicht so recht zugeben: "Hiermit haben verschiedene Personen zu tun. Dazu will ich mich nicht äussern". Abgesehen davon handle es sich nicht um 'Spam', sondern um 'Werbemails', versucht er zu beschönigen. Dies ist aber reine Wortklauberei. Denn als 'Spam' gelten solche Mails bereits, wenn sie an Personen geschickt werden, die sich weder in einen Newsletter eingetragen haben, noch in einer Geschäftsbeziehung mit dem werbenden Unternehmen stehen.

Woher die angeschriebenen Mail-Adressen stammen, will uns Zalaba nicht verraten, und zwar ausgerechnet aus Gründen des Datenschutzes. In einer Mail schrieb er: "Wir wollen ja nicht zu viele Nachwuchs-Spammer züchten".

Seit ein paar Jahren ist eine Revision des Schweizer Fernmeldegesetzes im Gange. Elektronische Werbung und die Herkunft von Adressmaterial wird dabei ein wichtiges Thema sein. Spam wird wohl eines Tages verboten sein, sofern es die einschlägigen Gesetzestexte bis in die Gesetzbücher schaffen. Bis dahin gilt Spam in der Schweiz als gesetzliche Grauzone, was immer mehr Spammer auszunützen scheinen. SIUG-Präsident Leisi hierzu: "Es gibt in der Schweiz zwei, drei Dauer-Spammer. Daneben gibt es immer wieder meist Klein- und Kleinstfirmen, die sich von dubiosen Helfershelfern überreden lassen, für das Spammen Geld auszugeben".

"Talk and Mail" könnte durchaus zu einem dieser Dauer-Spammer werden: Auf die Frage, wie viele "Werbemails" in Zukunft aus jener Ecke zu erwarten sind, meinte "Talk and Mail"-Sekretär Michael Zalaba lachend: "Das kommt auf den Bestelleingang an; wenn fleissig bestellt wird, gibts weniger Werbung".

Das ist natürlich erst recht kein Grund, mit einem Spammer Geschäfte zu machen. In IT-Sicherheits- und Datenschutzkreisen gilt schon lange die Regel: "Nie bei einem Spammer kaufen!". Der Grund ist einfach: Wer bei einem Spammer kauft, bestärkt diesen in seinem Treiben und macht sich somit am Spam mitschuldig.

Eines ist klar: So lange die Antispam-Gesetze in der Schweiz nicht in Kraft treten, bleibt unser Land ein Spammer-Paradies. Während zum Beispiel in den USA ein Spammer nach dem anderen in den Knast wandert oder hohe Bussen abdrückt, füllen deren Schweizer Kollegen munter weiter die Postfächer von tausenden von Anwendern. Und in Bern beutelt man lieber die Konsumenten mit fragwürdigen Copyright-Gesetzen, anstatt mit einem griffigen Gesetz die PC-Anwender (rund zwei Drittel der Bevölkerung) so schnell wie möglich vor den Belästigungen seitens der Spammer zu schützen.


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