Zwei Displays und drei Kameras: LG V10 im Test

Erst Apple, dann Samsung – nun auch LG: Ist das grössere LG G4 die Antwort auf Samsungs letztes Phablet? Hier unser Erfahrungsbericht.

von Simon Gröflin 08.02.2016

Die Kampfansage an Samsung könnte mit dem LG V10 fast nicht deutlicher sein. Aber hat das LG G4, eines der besten Smartphones des letzten Jahres, überhaupt noch ein Upgrade nötig? Vor allem die Kamera mit dem Laser-Autofokus, das scharfe Quad-HD-Display und die extrem lange Akkulaufzeit gehören beim 5,5-Zoll-Bruder zum Besten, was man heutzutage für ein High-End-Smartphone bekommt. Was also könnte dem Ganzen noch ein Krönchen aufsetzen? Ganz einfach: LG klebt wie Samsung ein zweites Display auf den 5,7-Zoll-Bildschirm. Und das sieht gar nicht mal so schlecht aus. Ausserdem: Wer sonst auf Leder steht, findet beim V10 ein eher spartanisches, dafür robustes Polycarbonat mit hübschem seitlichem Edelstahlrahmen vor. Doch eins nach dem anderen.

Das LG V10 ist kein leichtes Smartphone (192 Gramm) Das LG V10 ist kein leichtes Smartphone (192 Gramm) Zoom© LG

Ein rechter Prügel

Das LG V10 ist mit seinen 192 Gramm ein recht schweres Gadget. Im Vergleich zum G4 ist es wie bei anderen Phablet-Geburten gut 50 Gramm schwerer. Dominierend sind die seitlichen Flanken aus poliertem, rostfreiem Edelstahl. Während beim kleinen G4 die unauffälligen Ränder des Front-Displays fast mit dem eng geschnürten Leder des Rückendeckels verschmelzen, setzt beim grossen Bruder der gegen aussen überlappende Metallrahmen einen schönen, schnittigen Akzent. Die rau texturierte Rückschale verleiht dem Smartphone eine sehr gute Griffigkeit. Wasserdicht ist das LG V10 jedoch nicht. LG verspricht aber, dass das Modell theoretisch ein Wasserbad überleben würde. Für extreme Outdoor-Aktivitäten wäre das Smartphone dennoch zu schade. Die spiegelglatten Seitenränder würden dadurch zu schnell Kratzer einfahren.

Oben das LG G4 - unten: das LG V10 Oben das LG G4 - unten: das LG V10 Zoom© sgr / NMGZ

Wozu ein Zweit-Display?

Hält man die Geschwister übereinander, fällt auf: Das neue Modell ist zwar minim breiter – aber man merkt es kaum. Ähnlich wie beim Nexus 6P erfuhr LGs Neuling vor allem in der Höhe einen fingerkuppenbreiten Zuwachs. Genau dort, wo die Südkoreaner ihr kleines Gimmick platzieren. Im Gegensatz zu Samsung hat LG sein horizontales Zweit-Display im oberen Bildschirmrahmen eingepflanzt. Man entschied sich für einen 1040 x 160 Pixel grossen Touchscreen. Ähnlich wie beim Galaxy S6 Edge dient das Sekundär-Display zur Anzeige weiterer Informationen. Es reiht aber auch die jeweils zuletzt geöffneten Apps von links ein. Praktisch ist das schon: Man nutzt die kleine Statusleiste mit der Zeit fast schon intuitiv als kleinen Task Switcher, um schnell zwischen Apps zu wechseln. Als besonders nützlich erweist sich die Always-On-Statusleiste bei Push-Benachrichtigungen: Selbst bei geöffneten Apps rieseln auf der kleinen Anzeige Benachrichtigungen ein, die man sonst nur über den Homescreen wahrnehmen würde.

Das Zweit-Display beim LG V10 ist schlau platziert Das Zweit-Display beim LG V10 ist schlau platziert Zoom© sgr / NMGZ

Geschickt abgekupfert - aber gut platziert

Besonders von Vorteil: Der Zweitbildschirm zeigt auch im Standby Energieverbrauch, Uhrzeit, Akkulaufzeit und eingehende Notifications an. Man muss so sein Handy nicht ständig einschalten, um nachzuschauen, ob eine neue Nachricht eingetroffen ist. Wie bei Samsungs S6 Edge erfüllt das zweite Display natürlich noch einen anderen Zweck: Man kann zum Beispiel auch Telefonkontakte auf dem oberen Bildschirmrand ablegen. Speziell: Innerhalb der Kamera-App übernimmt die obere Bedienleiste wichtige Kamerafunktionen und erweitert das Anzeigefeld. Das ist durchaus innovativ und würden wir gerne in mehr Apps sehen. Man kann nun darüber streiten, ob Samsung oder LG zuerst die bessere Idee mit einem Zweit-Display hatte. Auf jeden Fall offeriert auch Samsung ein paar witzige Spielereien wie etwa die farblichen Anrufsbenachrichtigungen der Favoritenkontakte. Ich selber mag beiden Anbietern ihr Zweit-Display gönnen. Bei LG überzeugen mich die bisher gesehenen Funktionen minim mehr. 

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Fingerabdrucksensor

Ausserdem neu zur Ausstattung gehört ein Fingerabdrucksensor, den man über den rückseitigen Knopf mit der Zeigefingerkuppe betätigt. Dieser funktioniert einwandfrei und reagiert blitzschnell. Beim Nexus 6P erfühle ich den Button mit meinen normal grossen Händen ein wenig einfacher. Zudem vermisse ich hier die feine haptische Resonanz beim Entkoppelungsvorgang. Ansonsten verfügt das LG V10 ebenfalls über einen microSD-Slot, verlangt aber diesmal gottlob eine Nano-SIM-Karte, sodass man keinen Micro-SIM-Adapter für den SIM-Schacht braucht. Ein weiterer Bonus: Der 3000-mAh-Akku bleibt wechselbar.

Der Fingerabdrucksensor reagierte in unserem Test blitzschnell Der Fingerabdrucksensor reagierte in unserem Test blitzschnell Zoom© LG

Bildschirm: genauso scharf wie vorher

Auf beiden Bildschirmen setzt LG auf ein IPS-Quantum-Dot-Panel. Dabei hat der Hauptbildschirm nichts an der Qualität seines Vorgängers eingebüsst. Die Blickwinkelstabilität fällt erstaunlich positiv aus. Der Kontrast mit mehr als 1000:1 spricht für ein ausserordentlich helles Display. Die Farben sind sehr genau.

System: Hardware, Software, Bedienung

Auch beim LG V10 kommt wieder derselbe Prozessor (ein Snapdragon 808 mit sechs Kernen) zum Einsatz. In den Benchmarks merkt man den Unterschied zu neueren Prozessoren; aber im Alltag tut das bis heute nichts zur Sache - im Gegenteil. Das System erzeugt mit seinem Sechskerner sogar weniger Abwärme als das bei einem Nexus 6P mit einem Achtkern-Snapdragon-Prozessor leider ein wenig der Fall ist. Bei letzterem Smartphone spürt man die rückseitige Wärme im Hotspot-Betrieb mehr als bei anderen Handys. Sowohl beim G4 als auch beim LG V10 gibt es so gut wie keine Wärmeentwicklung. Und es läuft alles flüssig: Apps und Browsing-Seiten laden blitzschnell. Wir haben dennoch mit dem G4 abgeglichen und keinerlei Geschwindigkeitsunterschiede bemerkt. Im Antutu-Benchmark pegeln sich die Werte bei 65'300 bis 65'700 Punkten ein. Selbst das Extra-RAM (4 GB statt 3 GB) hatte auf den Geekbench-3-Durchlauf keinen Einfluss. Die Single-Multicore-Leistung liegt beim G4 im Bereich von 1176 zu 3351, beim LG V10 bei 1154 zu 3592 Punkten: also kein Unterschied. Auch positiv: Die LG-eigene Zusatz-Software führte gegenüber einem gemoddeten LG G4 mit Cyanogen in diesen Testdurchläufen zu keinerlei spürbaren Performance-Bremsen.

Benchmarks sagen nicht immer alles, auf jeden Fall ist die Leistung nicht schlechter geworden Benchmarks sagen nicht immer alles, auf jeden Fall ist die Leistung nicht schlechter geworden Zoom© Screenshot PCtipp.ch

Kleines Akkuwunder

Bei einer Helligkeit von weniger als 30 Prozent kommt man bei extremem Surfen noch gegen Ende des Tages mit 40 Prozent Restladung über die Runden. Das war schon beim LG G4 so und hat sich mit demselben Akku nicht spürbar geändert. Aus gutem Grund hat LG nicht den neusten Achtkern-Qualcomm-Prozessor gewählt und begnügt sich weiterhin mit dem Snapdragon-808-Sechskerner. Unverständlich bleibt, warum ab Werk noch immer Android 5.1.1 installiert ist. Allerdings dürfte das neuste Android-Update in wenigen Wochen ausrollen.

Drei Kameras im Gepäck

Die G4-Kamera mit ihrem Laser-Autofokus war eine der besten Smartphone-Kameras des letzten Jahres. Auch sie ist dieselbe geblieben: Der optische Bildstabilisator und der Dual-LED-Blitz ermöglichen bei einer Blendenöffnung von f/1.8 sehr verwackelungsarme und helle Aufnahmen. Software-seitig neu ist ein Videomodus, der Wackler bei Filmaufnahmen reduziert. Ein neuer Sound-Modus filtert über eine Pegelanzeige der drei Mikrofone Störgeräusche heraus. Allerdings ist Letzteres eher ein bisschen Spielerei, zumal die Mikrofone so dicht beieinander liegen. Neu sind ausserdem die beiden Frontkameras. Dabei handelt es sich um zwei 5-Megapixel-Kameras. So kann man aus der Kamera-App bei einer Selfie-Aufnahme nun zwischen einem 80-Grad- und einem 120-Grad-Winkel wählen. Der grössere Winkel macht vor allem Sinn, wenn man sich mit mehreren Leuten in Szene setzt.

Einmal Selfie mit 80-Grad-Winkel Einmal Selfie mit 80-Grad-Winkel Zoom© sgr / NMGZ Einmal Selfie mit 120-Grad-Winkel Einmal Selfie mit 120-Grad-Winkel Zoom© sgr / NMGZ

Mikrofon und Lautsprecher sind beim V10 einen Tupf besser als beim G4. Mit der Qualität eines Galaxy S6 kann die Sound-Ausgabe nach wie vor nicht mithalten. Der unterseitig in der Gehäusemitte positionierte Gehäuselautsprecher rauscht beim Aufdrehen leicht. Die Sprachqualität beim Telefonieren ist jedoch glasklar.

Fazit

Das V10 ähnelt dem LG G4 in sehr vielen Ausstattungsmerkmalen. Für einen Strassenpreis von Fr. 699.90 hält sich der Nutzungsgrad des Zweit-Displays gegenüber dem LG G4 in Grenzen, dazu gibt es aber ein wesentlich robusteres Gehäuse mit schönem seitlichem Edelstahl und den Fingerabdrucksensor.

Spartipp: Das fast gleich gute LG G4 gibt es im Onlinehandel schon ab Fr. 399.-.

Tags: LG
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