Test: Canon EOS RP

Die nächste Kamera der R-Serie ist kein Erlöser, aber eine gute Alternative.

von Luca Diggelmann 15.04.2019

Nur gerade vier Monate nach der EOS R bringt Canon bereits die nächste Vollformat-DSLM auf den Markt. Die EOS RP soll vor allem als Einstiegsgerät in das Canon-R-System funktionieren. Die Unterschiede zur EOS R sind relativ gering, sowohl im Positiven als auch im Negativen.

Die EOS RP ist vor allem eine kleinere EOS R Die EOS RP ist vor allem eine kleinere EOS R Zoom© Canon

Äusseres und Bedienung

Die EOS RP ist etwa so Standard-Canon, wie es nur geht. Die grössere EOS R brachte drei nennenswerte Änderungen am Canon-System mit sich: das LCD auf der Oberseite, die Modustaste im ISO-Rad und die Touch-Bar auf der Rückseite. Alle drei Neuerungen fehlen bei der EOS RP. Das LCD und die Touch-Bar fehlen bei der EOS RP komplett. Der Kameramodus wird wieder per dediziertem Rad ausgewählt.

Entsprechend fühlt sich die EOS RP grösstenteils an wie eine übliche Canon-DSLR, einfach ein gutes Stück kleiner. Die RP ist fast so klein wie die notorisch kompakte Sony a7 und wiegt ohne Objektive sogar noch weniger. Mit Objektiv sieht die Sache ein wenig anders aus, denn die Objektive des Canon-RF-Mount sind bisher allesamt gigantisch. Dennoch: Eine viel kompaktere Vollformat-Kamera ist derzeit nur schwer möglich.

In Sachen Bedienung erinnert die RP wieder mehr an Canon-DSLRs In Sachen Bedienung erinnert die RP wieder mehr an Canon-DSLRs Zoom© Canon

Grösstenteils gelten die gleichen Aussagen wie schon bei der EOS R: Wer sich mit Canon bereits wohlfühlt, wird auch an der EOS RP schnell seine Freude haben. Nutzer anderer Systeme werden sicher eine gewisse Eingewöhnungszeit benötigen. Die RP ist jedoch weniger experimentell als die R und deren Bedienung somit einfacher zu erlernen.

Ausstattung

Sie werden den Satz in diesem Test noch ein paar Mal lesen: Auch in diesem Bereich überschneidet sich die EOS RP zu grossen Teilen mit der EOS R. Die Anschlüsse sind genau die gleichen: HDMI, USB-C, Mikrofon, Kopfhörer und Fernbedienung. Und wie schon zuvor sorgt vor allem der USB-Anschluss für Kopfschütteln. Nicht, dass ein USB-C-Stecker schlecht wäre, aber die Umsetzung in der EOS RP lässt doch zu wünschen übrig. Per USB kann die Kamera aufgeladen werden, ohne dass man den Akku entfernen muss. Dafür benötigt man aber einen «echten» USB-C-Anschluss. Das heisst: Das Ladegerät muss bereits über einen USB-C-Stecker verfügen. USB-A-auf-C-Kabel funktionieren nicht. Mitgeliefert wird ein solches Ladegerät nicht, lediglich ein Kabel, das man zum Beispiel an einem Notebook mit USB-C-Port anhängen kann. Die Datenübertragungsrate des USB-Anschlusses macht ebenfalls wenig Sinn. Canon verbaut den USB-2.0-Standard, der sonst praktisch nur noch für Mäuse, Tastaturen und ähnliche Eingabegeräte nützlich ist. Für eine Kamera mit 4K-Videofunktion ist das schlicht bizarr.

Das Display ist eine Stärke der EOS RP Das Display ist eine Stärke der EOS RP Zoom© Canon

Ganz im Gegensatz dazu steht das Display der EOS RP. Auf den ersten Blick fällt das Display gar nicht besonders auf. Und auch rein technisch gesehen hebt es sich kaum von der Konkurrenz ab. Aber: Canon bietet die wahrscheinlich beste Touch-Steuerung aller Kamerahersteller und macht so das Display zum unerwarteten Mittelpunkt der Kamera. Der fehlende Joystick macht es für Canon-Nutzer sonst eher umständlich, den Fokuspunkt schnell zu verschieben. Mit dem Display der EOS RP ist das kein Thema mehr: Man fokussiert wie auf dem Smartphone, einfach schneller und genauer. Auch andere Einstellungen, die sonst in tiefen Menüs versteckt sind, können bei der EOS RP einfach per Touch angewählt werden. Gerade für weniger spezialisierte Fotografen, die nicht nur eine spezifische Routine verfolgen, ist das ungemein praktisch. Wer lieber den Sucher verwendet, muss sich aber keine Sorgen machen: Der Sucher der EOS RP erledigt seinen Job bestens und ohne merkliche Verzögerungen.

Zu Verzögerungen könnte es jedoch für Sportfotografen kommen. Wie schon bei der EOS R bietet auch die EOS RP nur einen einzelnen SD-Kartenslot an. Wer also häufig längere Burst-Aufnahmen erstellt, muss ein wenig geduldiger sein. Für die EOS RP ist der einzelne Slot etwas weniger stossend als bei der EOS R, hauptsächlich, da die Kamera ein gutes Stück günstiger ist. Allerdings sind durchaus einige Kameras in der gleichen Preisklasse erhältlich, die einen zweiten Slot bieten.

So oder so wird die EOS RP wahrscheinlich eher nicht zu einem Liebling der Sportfotografen. Die Kamera schafft nämlich nur fünf Bilder pro Sekunde. Das reicht für die meisten regulären Nutzer völlig aus, aber für Sport, Wildlife und andere rasante Genres kann es knapp werden.

Auf der nächsten Seite: Bildqualität

Bildqualität

Megapixelfetischisten, aufgepasst: Die EOS RP liefert vier Megapixel weniger als die EOS R. Also nur läppische 26,2 Mpx! Aber im Ernst: 26 Mpx reichen locker aus. Wir sprechen hier von Bildern mit einer Auflösung von 6240 × 4160 Pixeln. Wo die EOS RP eher Federn lassen muss, ist bei der dynamischen Reichweite. Hier kann sie nicht mehr mit der EOS R mithalten. Allerdings hält die Kamera sonst gut mit der Konkurrenz mit. Der verbaute Sensor ist das gleiche Modell wie bei der Canon EOS 6D Mark II, die ähnliche Ergebnisse erzielte.

Einen grossen Unterschied machen jedoch die Objektive. Das grandiose 50 mm ƒ/1,2 macht den nicht ganz perfekten Sensor schnell vergessen. Bei einem Preis von rund 2300 Franken kann man das auch erwarten. Mit dem günstigeren 35 mm ƒ/1,8 sieht die Welt etwas weniger rosig, aber immer noch solide aus. Spannend wird es vor allem mit dem Erscheinen des 24–70-mm-ƒ/2,8L-Objektivs später in diesem Jahr.

Auch in Sachen Lichtempfindlichkeit reiht sich die EOS RP in ähnlichen Gefilden ein wie die 6D II. Ab 10'000 ISO wird es heikel, 12'800 ISO sind gerade noch okay. Mehr liegt im Normalfall nicht drin.

Hier ein paar Beispielbilder, allesamt JPG-Dateien direkt ab Kamera:

Bei Tageslicht zeigt die EOS RP keine Schwäche Bei Tageslicht zeigt die EOS RP keine Schwäche Zoom© lpd / PCtipp Schwierige Lichtverhältnisse bringen die Kamera an ihre Grenzen Schwierige Lichtverhältnisse bringen die Kamera an ihre Grenzen Zoom© lpd / PCtipp Für Makro-Aufnahmen ist das 35-mm-Objektiv ideal Für Makro-Aufnahmen ist das 35-mm-Objektiv ideal Zoom© lpd / PCtipp Das 50-mm-1,2-Objektiv kostet rund 1000 Franken mehr als die EOS RP und leistet auch entsprechend was Das 50-mm-1,2-Objektiv kostet rund 1000 Franken mehr als die EOS RP und leistet auch entsprechend was Zoom© lpd / PCtipp

Auf der nächsten Seite: Objektive, Video und Fazit

Objektive

Die Auswahl der Objektive ist für die EOS RP ebenfalls interessant. Denn: Der relativ günstige Body-Preis von rund 1500 Franken wird durch das aktuelle Objektiv-Line-up doch relativiert.

Zum Zeitpunkt des Tests waren folgende vier Objektive erhältlich:

  • Canon RF 35 mm ƒ/1,8 IS Macro STM

  • Canon RF 50 mm ƒ/1,2L USM

  • Canon RF 24–105 mm ƒ/4L IS USM

  • Canon RF 28–70 mm ƒ/2L USM
Diese Objektive sind aktuell erhältlich Diese Objektive sind aktuell erhältlich Zoom© Canon

Davon ist nur das 35-mm-Objektiv mit einem Kaufpreis von rund 500 Franken relativ günstig. Das aktuell einzige Einsteiger-Zoom (24–105) kostet bereits um die 1000 Franken. Die beiden übrigen Objektive sind mit Preisen von 2500, respektive 3200 Franken eher für den Profi-Bereich interessant.

Bestehende Canon-Nutzer können mit dem mitgelieferten Objektivadapter ihre bisherigen Objektive weiterverwenden. Ob sich ein neuer Nutzer jedoch günstige EF-Linsen für seine RF-Kamera kaufen will, sei dahingestellt.

Im Rahmen des EOS-R-Tests konnten wir das 50 mm ƒ/1,2L und das 24–105 mm ƒ/4L testen. Den entsprechenden Artikel finden Sie hier.

Mit der EOS RP hatten wir die Gelegenheit, das 35 mm ƒ/1,8L Macro zu testen.

35 mm ƒ/1,8L IS Macro

Das 35-mm-Objektiv ist aktuell die einzige Option für alle, die mit der EOS-R-Serie wirklich kompakt unterwegs sein möchten. Die Kombination dessen und die Makro-Funktionalität machen das 35 mm ƒ/1,8 zu einer ausgezeichneten Street- und Reiselinse. Die Brennweite ist vielseitig einsetzbar und die geringe Naheinstellgrenze ist ideal für Detailaufnahmen, welche die restlichen Bilder ergänzen. Für Makroaufnahmen von Tieren wie Insekten ist das Objektiv zwar brauchbar, aber nicht ganz leicht zu verwenden. Der eher weite Winkel zwingt einen doch sehr nahe an das Sujet heran, was nicht immer eine Option ist. Qualitativ bewegt sich das Objektiv etwa auf der Höhe des 24–105-mm-Zoom, was durchaus respektabel ist.

Video

Video war die Schwäche der EOS R und ist die Schwäche der EOS RP. Der einzige mildernde Umstand: Bei der EOS RP sind aufgrund des Preises die Erwartungen niedriger. Entsprechend kommt die EOS RP wohl eher damit davon. Noch immer wird das 4K-Bild um den Faktor 1,75 zugeschnitten, ohne Dual-Pixel-Autofokus, und diverse Funktionen fehlen ohne ersichtlichen Grund. Beispielsweise gibt es mit EF-Objektiven nur 720p-Video mit Dual-Pixel-Autofokus, oder dann 4K ohne DPAF. 1080p ist keine Option. Und Video mit EF-Objektiven wird sogar in 1080p mit Faktor 1,75 zugeschnitten, obwohl die APS-C-Objektive von Canon eigentlich nur einen 1,6-fachen Crop benötigen.

Die Aufnahmen selbst sind hingegen gut. 60 FPS bei 4K wären nett gewesen, besonders, da das mittlerweile die meisten High-End-Smartphones beherrschen. Allerdings kann man auch gut mit qualitativ hochwertigen 4K30-Aufnahmen oder FHD60p leben. Wie schon bei der EOS R lautet das Fazit in Sachen Video: Warten auf die Mark II.

Fazit

Die Canon EOS RP ist keine schlechte Kamera. Ein wichtiger Grund für die stellenweise schlechte Presse rund um den Release der Kamera liegt in falschen Erwartungen. Die EOS RP ist nicht eine Verbesserung der EOS R, sondern eine günstigere Alternative. In grossen Teilen sind die beiden Kameras identisch. Was Canon vor allem Sorgen machen sollte, ist das Angebot der Konkurrenz. Für den Preis einer EOS RP bekommt man auch eine Sony a7 II: ein wenig älter, aber technisch leicht besser, mit einem grösseren Objektivangebot. Oder man kauft sich eine APS-C-Kamera wie die Fujifilm X-T3, die deutlich mehr bietet, ausser dem grösseren Sensor. Das stellt die Frage, für wen die EOS RP aktuell interessant ist: Bisherige Canon-Nutzer, die mit einem Einsteigersystem unterwegs sind und den Sprung auf Vollformat wagen möchten, sind sicher eine gute Zielgruppe für die RP. Für Profis ist die Kamera zu schwach, für Systemwechsler mangelt es an Objektiven. Bisherige Canon-Vollformat-Nutzer warten am besten noch eine Generation ab.

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