News 28.01.2014, 10:29 Uhr

Kommentar: Warum wir Google mögen müssen

Google will alles, wirklich alles über uns wissen. Und wir müssen dabei auch noch helfen.
Welche persönlichen Daten würden Sie Google anvertrauen? E-Mails, Adressen und Termine? Wahrscheinlich schon, das tut die halbe Welt. Die Namen der Personen, die Ihnen wichtig sind? Kniffelig – aber genau die verraten Sie, wenn Sie Ihr Umfeld auf Google Plus hinzufügen und in Kreise wie «Freunde» oder «Familie» einsortieren. Im persönlichen Profil erfährt Google ausserdem, wo Sie wohnen und für wen Sie arbeiten. Und die Bilder, die Sie mit dem Smartphone so gerne posten, enthalten meistens Geotags – deshalb ist Google bestens über Ihre Reisegewohnheiten informiert.
Erhöhen wir das Tempo: Würden Sie Google rund um die Uhr den eigenen Standort übermitteln? Vermutlich ungern. Würden Sie Google den Zugriff auf die Haustechnik erlauben? Und auf das halbe Dutzend Mikrofone, die in Ihrer Wohnung verteilt sind? Definitiv nicht; das ist nicht nur undenkbar, sondern fast schon bizarr! Oder auch nicht, denn der Spass fängt gerade erst an.

Jarvis

Themenwechsel. Worum beneiden wir Tony Stark a.k.a. «Iron Man» am meisten? (Von Pepper Pots einmal abgesehen, herrje!) Die Rüstung? Viel zu unbequem für den täglichen Gebrauch. Seine tollen Autos? Die fahren innerorts auch nur 50. Und mit einem grell leuchtenden Mini-Reaktor in der Brust tut man in der Nacht ja kein Auge zu. Danke, aber nein danke.
In voller Rüstung zur Frittenbude? Grenzwertig.
Das wahre Objekt der Begierde ist natürlich «Jarvis», die künstliche Intelligenz. Sie umgibt Stark allgegenwärtig und ist stets nur einen Zuruf weit entfernt: im Wohnpalast, im Labor, im Strassenflitzer und erst recht in der Iron-Man-Rüstung. «Jarvis, zeige mir, wo Pepper steckt!» Und – schwupps – wird Schatzis Standort auf dem Display eingeblendet. So läuft das bei Tony; da können wir alle noch dazulernen.
Jarvis weiss alles
Wenn wir die Iron-Man-Filme einem flüchtigen Realitäts-Check unterziehen, dann sind fast alle gezeigten Technologien Mumpitz, zumindest aus heutiger Sicht. Ein System wie Jarvis ist hingegen zum Greifen nah, und dazu braucht es nur drei Dinge: Rechenleistung ohne Ende, ganz viele persönliche Daten und ein geschicktes Händchen dafür, wie diese Daten verknüpft werden müssen.
Und somit wird klar, dass Google die einzige Firma auf der Welt ist, die ein solches System herstellen kann – und es in wenigen Jahren auch tun wird.

Ein beispielhaftes Szenario

Die folgende Szene könnte aus einem typischen Google-Konzeptvideo stammen:
Sie schlendern durch die Stadt, als auf dem Display in Ihrer Brille ein Hinweis eingeblendet wird: Freundin Monika befindet sich 200 Meter entfernt im Globus. Sie rufen Monika mit einem kurzen Sprachbefehl an und vereinbaren ein spontanes Treffen. Monika schlägt das Café Benz vor; Sie wissen zwar nicht, wo das steht, aber die Brille wird Sie durch Augmented Reality hinführen, indem die Realität durch ein leuchtendes Band ergänzt wird. Ausserdem erfahren Sie, dass der Fussmarsch nur vier Minuten dauert. Sehr schön; da bleibt mehr Zeit für den Tratsch.
Doch kaum stehen die Tassen auf dem Tisch, aktiviert sich die Brille erneut und macht Sie darauf aufmerksam, dass Sie eine halbe Stunde früher aufbrechen müssen, weil der Verkehr auf der Autobahn ins Stocken gerät – und Sie wollen den Elternabend in der Schule um 19.30 Uhr doch nicht verpassen, oder?
Mit solchen und ähnlichen Videos möchte man uns die Zukunft schmackhaft machen. Nur: Google befindet sich von dieser Realität gerade noch eine Haaresbreite entfernt. Damit das beschriebene Szenario wahr wird, müssen lediglich das GPS-Modul, Google Plus und Google Maps verflochten werden – lauter Dienste also, die heute schon etabliert sind. Dazu kommt das Adressbuch und der Terminkalender von Google Docs, und schon ist die Datensammlung komplett. Die Schlussfolgerungen sind eine reine Formsache, zumindest für Google. Denn der Konzern zeigt uns seit Jahren solche Kunststücke, und das in einer Qualität und Geschwindigkeit, die der Konkurrenz kaum mehr Luft zum Atmen lässt.

Google Glass

Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Brille. Sie fällt in erster Linie durch das Design auf: Jeder, der Google Glass trägt, wirkt im besten Fall ein wenig debil – ausser Frauen, die auch in Sackleinen und mit einer Schlumpf-Figur im Haar vor lauter Sexappeal nur so sprühen würden. Google weiss das, und entsprechend sehen die Models auf den Werbefotos aus.
Google Glass: Sehen wir dann alle so toll aus? (Bild: Google)
Hinzu kommt, dass Glass – noch – ein Problem mit der Akzeptanz hat: Die Träger der Brille werden gerne als «Glassholes» abgestempelt. (Keine Übersetzung notwendig.) Und der Gedanke, dass jemand ständig mit der Kamera auf uns zielt, jagt uns kalte Schauer über den Rücken.
Allerdings darf nicht vergessen werden, dass Glass ein plumper Prototyp ist. Dieses Produkt wird nie den Massenmarkt erreichen. Doch das ist Google egal. Die grossen Spielehersteller tüfteln zum Beispiel bereits heute an 3D-Engines, die auf keiner handelsüblichen Hardware auch nur halbwegs flüssig laufen. Doch die Entwickler verlassen sich darauf, dass die CPUs und Grafikkarten weit genug fortgeschritten sind, wenn die Software Marktreife erlangt. Diese Rechnung geht immer auf, und das wird sie auch für Google.
Wenn Google sein Ding in den nächsten drei Jahren durchgezogen hat, dann wird alles anders. Die Brille wurde just in diesen Tagen überarbeitet und kann schon bald mit korrigierten Gläsern gekauft werden. Der Klötzchen-Monitor wird in Zukunft ein integraler Bestandteil des Brillenglases sein. Die Kamera wird auf Abmessungen schrumpfen, die sie für das blosse Auge unsichtbar macht. Und was man nicht mehr sehen kann, wirkt gleich schon viel weniger gefährlich.

Der Feind in meinem Bett

Damit hätten wir eine schlaue Brille, aber deswegen ist unser Jarvis noch längst nicht allgegenwärtig. Um auf Zuruf zu reagieren, muss das System immer und überall mithören können. Das gilt erst recht für die eigenen vier Wände.
Besser, wir gewöhnen uns an Google als Dauergast
Das klingt für die meisten von uns inakzeptabel, doch der stete Tropfen wird auch diesen Stein höhlen. Heute empören wir uns über die Xbox One, deren Kinect-Kamera jederzeit in den Raum horchen kann, doch der Widerstand bröckelt bereits. Morgen gewöhnen wir uns an Smartphones, deren Mikrofone pausenlos auf das nächste Kommando warten. Als nächstes kommt die modisch-elegante Brille mit direkter Google-Anbindung. Bis zum Mikrofon im Schlafzimmer ist es dann nur noch ein Katzensprung.
«Zeige mir das Wetter und die heutigen Termine. Reduziere die Raumtemperatur um drei Grad und kontrolliere, ob der Lohn überwiesen wurde. Und dimme das Licht, ich fühle mich wie auf einem Operationstisch!» Wer bereits vor dem Aufstehen solche Befehle erteilen möchte, muss unserem Jarvis auch den Zugang zur Heizung ermöglichen, zur Lichtsteuerung und natürlich den Zugriff auf das eigene Bankkonto. Aber das versteht sich irgendwie von selbst.

Das Ende der Privatsphäre

Das war’s. So sieht die nahe Zukunft aus. Das Wichtigste aber: Es wird keinen Kuhhandel geben. Niemand wird sich ein solches System einfach gegen Geld mieten können, ohne dabei persönliche Daten preiszugegeben. Dieses Zusammenspiel kann nur funktionieren, wenn wir die Hosen runterlassen, lies: Google unser Privatleben in aller Ausführlichkeit überlassen. Freiwillig. Jarvis gibt’s dann kostenlos.
Die einzige technische Alternative wäre, dass die Informationen aus verschiedenen Kanälen eingespeist werden. So weiss die Linke nicht, was die Rechte tut. Stattdessen werden die Informationen erst auf dem eigenen Rechner zu einem logischen Ganzen zusammengeführt. Das bedingt jedoch nicht nur Google-Technologie (womit wir wieder gleich weit wären), sondern auch, dass alle Informationen durch offene Protokolle eingesammelt werden. Bis sich die Industrie jedoch darauf einigen kann, gehen unsere Enkel am Stock. Google braucht hingegen keine Standards und keine offenen Protokolle – Google braucht nur Google. Und davon gibt es bereits heute mehr als genug.

Entweder, oder!

Lange Rede, kurzer Sinn: Wer so leben möchte, wie es uns die Science-Fiction-Filme vormachen, muss seine Privatsphäre mit Google teilen – was auf eine Kapitulation hinausläuft. Viele Menschen werden sich weigern. Doch diese Gruppe wird mit jedem Tag ein wenig schrumpfen, denn der Gruppendruck wird schnell steigen.  Und ganz egal, wie man dazu steht: Das Eine gibt es nicht ohne das Andere. An diesen Gedanken gewöhnen wir uns besser heute als morgen, denn diese Zukunft steht bereits vor unserer Haustür.



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