News 12.11.2015, 09:12 Uhr

myCloud: «Kunden sollen Daten erleben können»

Welche Ziele verfolgt die Swisscom mit ihrem neuen Cloud-Produkt für Private und was sind die Zukunftspläne? Swissoms Leiter New Business & Innovation stand uns Red und Antwort.
Daniel Gerber ist Leiter New Business & Innovation im Privatkundenbereich von Swisscom. Gerber leitet auch das interne Entwicklungs-Team, das die myCloud-Plattform aufgebaut hat. PCtipp hatte Gelegenheit, Daniel Gerber zu myCloud ausführlich zu befragen.
PCtipp: Herr Gerber, welches Konzept lag denn myCloud zugrunde, was ist die langfristige Strategie?
Daniel Gerber: Wenn wir uns die Welt heute vorstellen, verhält es sich eigentlich so: Alle Daten sind irgendwo verteilt und fragmentiert. Daher haben wir auch eine Vision, die wir intern My Digital Live genannt haben. Im Moment hat der Privatkunde nicht gross Möglichkeiten, aus seinen Daten etwas zu machen. Wir wollen erreichen, dass Kunden ihre Daten wieder erleben können und dabei auch noch Zeit sparen.
Beispiele?
Heutzutage schiessen wir so viele Fotos. Der Anwender will doch die damit verbundenen Erlebnisse noch einmal zurückholen und die Bilder anschauen. Das zweite Kriterium lautet: Zeit sparen. Ich erhalte Mails, ich erhalte Rechnungen: Endverbraucher wollen diese Dinge sortiert vorfinden.
Welche Rolle spielt denn eigentlich Docsafe noch?
Docsafe ist vor allem die Verbindung zwischen Unternehmen und Konsumenten. Die Kommunikation erfolgt dort über zwei Kanäle. Bei Docsafe verschicken wir zum Beispiel Swisscom-Rechnungen automatisch in den Dokumentenspeicher: eine Dienstleistung, die auch anderen Unternehmen offensteht. Es ist also in erster Linie eine Dokumentenverwaltung. MyCloud konzentriert sich als reiner Cloud-Speicher auf Fotos, Videoclips und Dateien und soll so einfach zu nutzen sein, dass wir auch solche Kunden gewinnen, die bisher vor Cloud-Diensten zurückschreckten. Immer und überall Daten hochladen und zur Verfügung haben: Das ist es, was Kunden wollen. Langfristig ist jedoch geplant, die beiden Dienste (myCloud und Docsafe) näher zusammenzurücken.
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Wer kann myCloud nutzen?

Wer kann myCloud nutzen? Nur Swisscom-Kunden?
Als «nova»-Produkt steht das Angebot zum Start einer beschränkten Nutzerzahl gratis und mit unlimitiertem Datenvolumen zur Verfügung. «nova» nennt sich bei uns ein Produkt, das sich noch in der Entwicklungsphase befindet und wo wir Kunden einladen, das Produkt gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln. Im nächsten halben Jahr werden wir das Produkt dann richtig lancieren. Wenn man sich anmeldet, kommt man zunächst auf eine Warteliste.
Ist denn Verschlüsselung integriert?
Ja, der Datentransport ist vollständig verschlüsselt. Die Daten liegen zudem auf unseren gesicherten Servern in der Schweiz. Diese sind übrigens redundant ausgelegt. Das bedeutet, wenn ein Server ausfällt, sind die Daten immer noch gesichert.
Sind nebst Daten und Fotos noch weitere Kategorien für myCloud geplant?
Wir überlegen uns zurzeit eine Kategorie für Musik und Filme. Wir wollen das aber zuerst einmal von den Kunden wissen, ob das tatsächlich ein Bedürfnis ist. Mein wichtigstes Ziel ist zunächst der Feinschliff der bereits erarbeiteten Funktionen. Wir wollen vieles einfach besser machen als andere Cloud-Anbieter. Wir wissen auch von Kundenumfragen: 70 Prozent der Schweizer nutzen keine Cloud. Wir wollen daher zunächst eine einfach funktionierende Lösung, die Nutzer anspricht.
Vielleicht noch was zum limitierten Feature-Set: Was ist denn noch geplant?
Der Sync-Client für Desktop-PCs und Macs wird Anfang 2016 kommen. Es gibt aber noch viele Features, die einfach zu integrieren wären: Viele Anwender verwenden aus verschiedenen Gründen eine USB-Festplatte. Wir wollen den Kunden noch mehr Hilfe anbieten, ihre Daten in einer Cloud zu vereinen: z.B. mit einer USB-Funktion für den Swisscom-Router ...
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Wie myCloud entwickelt wurde

Gibt es Unterschiede bei der Entwicklung im Vergleich zu Docsafe? Wurde ein externes Team beauftragt?
myCloud wurde von uns hier in der Schweiz entwickelt. Ich habe das ganze Design- und Entwickler-Team bei mir. Inzwischen haben rund 1700 Mitarbeiter von Swisscom myCloud getestet. Wenn man sich vorstellt, dass wir das alles nur in einem Jahr geschafft haben, ist das eine beachtliche Leistung. Durch die Nähe der Produkt-, Design- und Software-Entwicklungsmitarbeiter konnten wir schneller und kostengünstiger entwickeln. 
Was ist zum Beispiel mit NAS-Anbietern wie Synology, die Abgleich mit externen Clouds ermöglichen? Ist mit anderen Herstellern auch schon etwas in Planung?
Das sind alles gute Optionen, jedoch auch abhängig davon, wie offen die Hersteller sind. Im Moment fokussieren wir auf Microsoft Office bzw. Office 365. Wir sind mit Microsoft im Gespräch, um den Zugriff auf deren API erhalten. Wenn wir das hinkriegen, wäre das der nächste grosse Schritt.
Erklären Sie mir doch noch ein wenig genauer, wie die Cloud technisch aufgebaut ist.
Sicher. Alles läuft auf der sogenannten Application Cloud, einem Produkt von Swisscom. Zuunterst ist eine Software-basierte Vernetzung aller Computer, oder anders ausgedrückt: ein Software-defined Network. Darüber haben wir eine Orchestrierung aller Computer, die dadurch zu einer grossen Masse von Kapazität wird. Oberhalb haben wir eine Plattform, die sogenannte Cloud Foundry, die es uns ermöglicht, Applikationen einfacher zu entwickeln. (Anm. d. Red.: «Cloud Foundry» ist ein Open-Source-Projekt, das von führenden IT-Firmen der Welt vorangetrieben wird. Die Plattform beinhaltet Werkzeuge zur Erleichterung der Entwicklung der Applikationen.)
Sie sagten eingangs, myCloud soll mit der Zeit intelligent werden und aus kontextbezogenen Informationen, z.B. Fotos vom Mountain Biking, meinen Fitnessdaten und allenfalls Geodaten, eine Entscheidungsgrundlage für den Kauf eines neuen Mountain Bikes erarbeiten. Das bedingt allerdings schon, dass das System viele Daten über mich kennen muss. Wie viele Daten gebe ich als User von mir preis bei der Software, die Objekte erkennt?
Wir machen es dem Kunden einfach, Daten in myCloud abzulegen. Er hat aber immer die Wahl, ob er das will. Zudem erstellen wir kein Profil über den Kunden. Wir verknüpfen auch keine Profile mit unseren Kundendaten. Das Ziel von myCloud ist wirklich, dem Kunden das Leben zu vereinfachen. Wir würden Kunden auch nie Werbung einblenden. Das Beispiel ist natürlich eine Vision. Wichtig ist, dass dem Kunden die Wahl gelassen wird, ob und wie seine Daten verwendet werden. Im Prinzip verhält es sich mit unserem Prinzip ganz simpel: Wir wollen dem Kunden aufzeigen, was er mit seinen Daten machen kann. Was er damit macht, ist seine Sache.
Herr Gerber, herzlichen Dank für das Interview.

Autor(in) Simon Gröflin



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