Kommentar 11.12.2009, 07:00 Uhr

Der Troll an sich

Der gemeine Troll (trollus trollus) ist ein weitgehend unerforschtes Wesen. Was möglicherweise daran liegt, dass niemand richtig Lust hat, einen solchen näher kennenzulernen.
Um so verdankenswerter ist es, dass Leute wie Sascha Lobo Trolle sogar bei sich zu Hause empfangen. Selbstverständlich hatte er sie nicht darum gebeten, nachts betrunken an seiner Tür zu klingeln, aber wenn sie schon mal da rumlungern, muss er sich gedacht haben, kann man das gleich dazu nutzen, einen wichtigen Beitrag auf dem Feld der Trollforschung zu leisten. So ist es ihm mit einfachsten Mitteln gelungen, Trolle in freier Wildbahn zu fotografieren und sich sogar verbal mit ihnen zu verständigen.
Der daraus resultierenden Theorie, dass Trollerei eine Fortsetzung des Klingelstreichs mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts sei, stimme ich völlig zu. Auch die im Schaubild dargestellte Gleichung «normaler Mensch + Anonymität + Publikum = totale Nervensäge» scheint einleuchtend. Allerdings gehören nach meinen eigenen empirischen Studien – wie immer aus den USA und aus meinem Büro (Lee 2009, S. 1 ff.) noch weitere Ingredienzien zur vollständigen Definition eines hinreichenden, aber keineswegs notwendigen Trolls. Zu nennen sind hier insbesondere ein starkes Defizit an Beachtung und/oder sinnvoller Beschäftigung. Wie Prof. Dr. trol. Lobo selbst ausführt, fehlt dieser Spezies zudem offensichtlich ein gewisser sozialer Filter (Lobo 2009, S. 1 ff.). Dies und die Tatsache, dass dem trollus trollus ein übersteigerter Geltungsdrang eigen ist, erklärt auch, dass es sich bei allen gesichteten Exemplaren um männliche Wesen handelt. Es muss ja etwas Spezielles an diesen normalen Menschen sein, denn längst nicht jeder mutiert im Internet automatisch zum Troll. Es sind sogar die allerwenigsten. Vielleicht sollte man all diesen Trollen auch einfach eine Kolumne geben.

Autor(in) David Lee


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