Ehrenamtliches Engagement 21.06.2022, 11:34 Uhr

Unabhängigen russischen Journalismus unterstützen

Der Chefredaktor unserer Schwesterzeitschrift Computerworld hat – wenige Minuten bevor der Friedensnobelpreis von Dmitri Muratow, Chefredaktor der «Novaya Gazeta», für 103,5 Millionen US-Dollar versteigert wurde – den Verein «Friends of Novaya Gazeta Europe» lanciert.
Haben den Verein «Friends of Novaya Gazeta Europe» gegründet: Dieter Herzmann, Tatiana Skakauskis und «Computerworld»-Chefredaktor Daniel Thüler (v. l.)
(Quelle: Novaya Gazeta Europe/Ekaterina Glikman)
In einer rasanten Auktion ist in der Nacht vom 20. auf den 21. Juni 2022 in New York die Friedensnobelpreis-Medaille von Dmitri Muratow, Chefredakteur der unabhängigen russischen Zeitung «Novaya Gazeta», für den sagenhaften Betrag von 103,5 Millionen US-Dollar versteigert worden. Der Erlös dieser von Heritage Auctions durchgeführten Wohltätigkeitsauktion geht zu 100 Prozent an UNICEF zur Unterstützung von ukrainischen Flüchtlingskindern. Muratows «Novaya Gazeta» musste ihren Betrieb aufgrund des Drucks des Kremls nach 32 Tagen Krieg in der Ukraine einstellen.
Nur wenige Minuten vor der Auktion hat Daniel Thüler, Chefredakteur der Schweizer «Computerworld» und der deutschen «com! professional», gemeinsam mit Dieter Herzmann, Partner des St. Galler IT-Dienstleisters Topix, und Tatiana Skakauskis, Leiterin Administration bei der altra Schaffhausen, den Verein «Friends of Novaya Gazeta Europe» zugunsten der «Novaya Gazeta Europe» offiziell lanciert.

In 13 Tagen ein neues Medium geschaffen

Die «Novaya Gazeta Europe» ist eine neue unabhängige und unzensierte russische Online-Zeitung in der EU mit Sitz in Riga (Lettland). Sie wurde am 7. April 2022 von über 50 vormaligen Journalistinnen und Journalisten der «Novaya Gazeta» gegründet, die Russland aufgrund der starken Repression verlassen mussten. Sie begannen ihre Arbeit ohne Investoren, ohne registriertes Unternehmen, ohne Bankkonten und nur mit einem Minimum an Hab und Gut. Doch sie wollen weiterhin die Wahrheit über den Krieg und ihr Land berichten.
Bereits am 20. April 2022 lancierte die «Novaya Gazeta Europe» ihre Website. Nur neun Tage später wurde sie von der russischen Medienaufsichtsbehörde wegen «zahlreicher Falschmeldungen über die russische Armee» gesperrt. Trotz der Internetzensur Russlands versucht die «Novaya Gazeta Europe» die Leserschaft der «Novaya Gazeta» zurückzugewinnen. «Unsere Zeitung wird nicht aufhören zu existieren, obwohl Putin will, dass sie verschwindet», so Kirill Martynov, Chefredakteur der «Novaya Gazeta Europe». Aus Russland ist ein Zugang nur per VPN möglich.

Solidarität mit geflüchteten Journalisten

Der Verein «Friends of Novaya Gazeta Europe», der nach Schweizer Recht geführt wird, hilft unter anderem dabei, das junge Medium durch das Sammeln von Mitgliederbeiträgen und Spenden mitzufinanzieren. Mitglieder können auch Personen und Unternehmen ausserhalb der Schweiz werden. «Als Journalist, der in einem sicheren und neutralen Land lebt, habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, wie ich meine russischen Kolleginnen und Kollegen unterstützen kann, die aus ihrem Land fliehen mussten und in Gefahr leben, nur weil sie ihren Job machen», sagt Vereinspräsident Thüler. «Als langjähriger Chefredakteur weiss ich, wie schwierig es ist, nicht nur ein neues Medium zu gründen, sondern auch eine solide finanzielle Basis für ein dauerhaftes Bestehen zu schaffen – besonders unter diesen extrem schwierigen Umständen wie dem Krieg in der Ukraine sowie der Zensur und der scharfen Repression in Russland.»
«Unabhängige Journalisten kämpfen seit vielen Jahren gegen die russische Diktatur in ihrem eigenen Land», erklärt Martynov. «Unsere Arbeit wurde immer von normalen Menschen ermöglicht.» Wie im 19. und 20. Jahrhundert liege das Schicksal der Meinungsäusserungsfreiheit auf dem Kontinent nun wieder in den Händen Europas. «Ich bin unseren Freunden in der Schweiz dankbar, dass sie den Weg zur Unterstützung unabhängiger Medien in russischer Sprache und der ‹Novaya Gazeta Europe› ebnen», so der Chefredakteur.




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