Kommentar 19.08.2013, 10:16 Uhr

Hirn-Ausfall nach Google-Schluckauf

In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag fielen für 10 Minuten sämtliche Google-Dienste aus. Was darauf folgte, war eher ein Hirn-Ausfall der schreibenden Zunft
Am Samstag um kurz nach halb Zwei (MEZ) wurde es für die diensthabenden Google-Sys-Admins wohl ziemlich ungemütlich. Wie auf dem Google-Apps-Dashboard unschwer zu erkennen ist, verabschiedeten sich kurzzeitig sämtliche Google-Dienste vom Netz. Das ist durchaus bemerkenswert und vermutlich in der Geschichte von Google einmalig. Doch auch schon bei Amazon gingen beim hauseigenen Cloud-Service AWS (Amazon Web Service) im Juni 2012 für über 6 Stunden die Lichter aus, Microsoft wurde auch schon damit konfrontiert.
Wie auch immer - die Services liefen nach ein paar Minuten wieder. Entweder machten die Sys-Admins einen super Job oder irgendwelche Re-Boot-Skripte für das Notfallszenario waren richtig programmiert. Doch das hielt die schreibende Zunft nicht davon ab, diesen Vorgang mit dem kurzzeitigem Ende des Internets gleichzusetzen. Interessant war, auf welchen Fakten sich die Schlagzeilen wie: «Internet brach um 40% ein» und dergleichen stützten.
So veröffentlichte die Firma GoSquared kurz nach dem Google-Schluckauf einen kurzen Blog-Eintrag und vertwitterte diesen. Der Titel tönt dramatisch: «Googles Downtime  caused a 40% drop in global Traffic». Nur, was für GoSquared «global» ist, sind die Page-Views ihrer Seiten (rund 8000 Seiten). Man kann der Internetfirma zugutehalten, dass 8000 Seiten schon ein gewisser Gradmesser sein können. Doch eine Grafik, auf der man nur eine X-Achse mit Timestamps erkennen kann und eine Y-Achse mit irgendwelchen Grössenangaben Fehlanzeige ist, sollte schon mal skeptisch stimmen. Aber diese gleich noch zum globalen Gradmesser des Internet-Traffics hochzuschreiben, ist ein journalistischer Total-Ausfall sondergleichen. Hauptsache die Schlagzeile tönt gut. Was mit dem asiatischen Raum ist, in dem Google bekanntlich nicht die besten Karten hat und über ein Siebtel der Weltbevölkerung wohnt, sei dahingestellt.
Der «globale» Traffic-Schwund, gezeigt auf einer Grafik, die alles sein könnte.
Die Frage, wie hoch der Anteil im Internet-Traffic von Google ist, ist tatsächlich nicht ganz uninteressant, aber schwierig zu beantworten. Trotzdem wäre ein Gegencheck des 40%-Einbruchs nicht weit weg gewesen. Das Magazin Wired veföffentlichte im Juli dieses Jahres einen Bericht, der sagt, dass Google-Dienste in Nordamerika 25% der Internet-Traffics generiert. Vor drei Jahren soll der Anteil erst 6% betragen haben. Wenn man davon ausgeht, dass Google Nordamerika dominiert und der Rest der Welt eher unter dem propagierten 25%-Anteil liegt, so kann man grob geschätzt von rund 15 - 20% des weltweiten Internet-Traffics ausgehen, welcher über Google-Dienste läuft (und vermutlich ist auch diese Zahl noch zu hoch angesetzt).
Anstatt den Google-Unterbruch als Quasi-Katastrophe hochzuschreiben und mit fragwürdigen Zahlen zu hantieren wären alternative Titel angebrachter gewesen, zum Beispiel:
Google Down - 6 Minuten kein User-Tracking oder Dank Ausfall - kurzzeitiges Surfen ohne Verfolgung möglich.

Autor(in) Marcel Hauri


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