Vor 25 Jahren 21.06.2022, 08:33 Uhr

Handy-Hersteller: Die Abschlussklasse von 1997

Von den acht grössten Handy-Herstellern vor 25 Jahren haben einige die Turbulenzen des Markts nicht überstanden.
Mobiltelefone von Samsung
(Quelle: Samsung)
Wenn es nach 25 Jahren Klassentreffen gibt, stellen meist alle fest, wie sehr man sich verändert hat, manche zum Besseren, viele leider auch nicht. Auch das, was man erreicht hat, wird zum Thema. Wenn sich die acht grössten Handy-Hersteller des Jahres 1997 heute treffen würden, wären die Reihen stark ausgedünnt, manche Überlebenden mussten einiges durchmachen und ihnen ist nur der grosse Name geblieben. Dagegen waren viele der Top-Hersteller von heute damals noch gar nicht geboren: Vor allem an das Aufkommen der Chinesen wie Xiaomi, ­Vivo, Realme, Oppo oder Honor dachte noch keiner. Apple sollte von 1997 bis zum ersten iPhone noch zehn Jahre ohne Mobilfunk auskommen und Huawei war nur ein kleiner Netzwerkausrüster.

Im Alter immer besser: Samsung

Unter den Top 8 von 1997 ist nur einer, der richtig etwas aus dem schwierigen Markt gemacht hat: Damals war Samsung ein noch wenig bekannter Elektronikhersteller aus Korea, doch heute ist der Konzern nicht nur Marktführer bei den Smartphones, sondern auch in vielen anderen Bereichen eine der wertvollsten Marken. Von Anfang an setzte Samsung bei seinen Handys auf Wertigkeit, dazu entstand mit den Jahren eine grosse Innovationsfähigkeit. Fehlschläge wie das eigene Betriebssystem Bada nahm es dabei in Kauf und nutzte sie zum Lernen.

Von hundert auf null: Nokia

Nokia 6310
Quelle: Peter-Gudella/Shutterstock
Die Finnen sollten einen der grössten ­Aufstiege und Abstürze der Industriegeschichte erleben. 1998 wurden sie für lange Jahre der unangefochtene Marktführer bei Handys, doch den Umstieg auf die Smartphones bewältigten sie dann nicht wirklich. Für das erste iPhone hatte man nur Spott übrig, schliesslich hatte man mit Symbian ja das damals vermeintlich beste Betriebssystem. Doch nachdem die Marktanteile schneller schmolzen als Eis in der Sauna, kaufte Microsoft 2013 die Handy-Sparte des ­Nokia-Konzerns. Der Name verschwand schon ein Jahr später von den Geräten, denen aber auch als Microsoft Lumia keine Zukunft beschert war. Heute gibt es zumindest wieder Nokia-Smartphones, da die Lizenz für die Marke Ende 2016 von der neu gegründeten HMD Global übernommen wurde.

Von den USA nach China: Motorola

Eine der zahlreichen Modellvarianten aus der erfolgreichen RAZR-Familie von Motorola
Quelle: Motorola
Vor 25 Jahren war der Mobilfunkpionier Motorola noch die Nummer eins bei den Handys, doch dann sollte der Abstieg beginnen. Den konnte das edle Klapphandy Razr als Besteller nur kurz aufhalten, denn mit Smartphones tat man sich schwer. 2012 verkaufte der Motorola-Konzern die abgespaltene Mobilfunksparte an Google, der Web-Riese konnte das Ruder auch nicht herumreissen. ­2014 übernahm dann der chinesische PC-­Gigant Lenovo den Laden. Seitdem operiert Motorola als Tochter mit mittelmässigem Erfolg im Markt.

Szenen einer Ehe: Ericsson und Sony

Die Schicksale der Handy-Sparten der beiden so unterschiedlichen Konzerne sollten eng verwoben werden: Der schwedische Hersteller, der nur in den Jahren vor 2000 mit seinen technisch anspruchsvollen Handys grossen Erfolg hatte, und der japanische UE-Riese spannten 2001 ihre schwächelnden Handy-Sparten zum Joint Venture Sony Ericsson zusammen. Vor allem mit Musik- und Kamerahandys hatte man zunächst Erfolg, doch auch hier änderte die Smartphone-Ära alles. 2012 übernahm Sony nach herben Verlusten alle Anteile am Unternehmen, Ericsson konzentriert sich seitdem auf das Netzwerkgeschäft. Doch auch die «reinen» Sony-Handys sollten nicht besser laufen. Zumindest gibt es sie als eines von vielen Produkten im Grosskonzern auch heute noch zu kaufen.

Deutschland verliert: Siemens

Fussball- und Werbeikone David Beckham
Quelle: Maxisport/Shutterstock
Der Grosskonzern war traditionell stark bei Telefonen für alle Netze und zunächst auch im GSM-Geschäft erfolgreich. Doch als man nach der Jahrtausendwende mit Millionen, die vor allem ins Marketing und Experimente wie die grandios gescheiterte Submarke Xelibri investiert wurden, den Marktführer Nokia angreifen wollte, liefen die Kosten aus dem Ruder.
Der neue Siemens-Boss Klaus Kleinfeld zog 2005 den Stecker und verkaufte die Mobile-Sparte an den taiwanesischen IT-Hersteller BenQ. Dieser hatte trotz grosser Ambitionen auch nicht mehr Fortüne und schickte seine deutsche Tochter BenQ Mobile im Herbst 2006 in die In­solvenz. Ein bisschen Siemens-Geist lebt heute noch in den Smartphones von Gigaset – der Hersteller war schliesslich auch mal Teil des Konzerns.

Frust in Frankreich: Alcatel

Das französische Traditionsunternehmen sollte durch den Boom der günstigen Prepaid-Handys mit dem bunten One Touch Easy Ende der 90er-Jahre kurz­zeitig ein grosser Player auf dem Markt werden. Doch die Versuche, danach auch jenseits der untersten Preisklasse aufzusteigen, kosteten viel Geld, das vergeblich investiert wurde. Da auch der Mutterkonzern 2001 in die Krise rutschte, wurde die Mobile-Sparte 2005 an TCL verkauft, der Restkonzern fusionierte später mit ­Lucent. Der chinesische Elektronikriese TCL verkauft auch heute noch Alcatel-Smartphones der unteren Preisklasse mit einer Markenlizenz, allerdings scheint man sich dort nun verstärkt auf die eigene Marke zu konzentrieren.

Big (only) in Japan: Panasonic

Der grosse Matsushita-Konzern aus Japan war mit den Marken Panasonic und Technics in den 80er-Jahren einer der grössten UE-Hersteller, entsprechend passten auch Handys gut ins Portfolio. Doch während man in der Heimat zeitweise Marktführer war, blieben die Erfolge in Europa nach 2000 aus und 2005 wurden alle Exporte von Mobiltelefonen eingestellt. Ein Comeback-Versuch mit dem Android-Smartphone Eluga scheiterte im Jahr 2012 kläglich, heute gibt es noch Seniorenhandys von Panasonic.

Boris Boden
Autor(in) Boris Boden



Kommentare
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stebra
21.06.2022
HTC wäre wohl auch noch erwähnenswert.