News 06.07.2005, 12:00 Uhr

China unterschreibt Antispam-Plan

Das klingt doch fast wie eine gute Nachricht aus dem Land des Lächelns: China hat ein Antispam-Abkommen unterschrieben. Wir sagen Ihnen, worum es geht, und fragen uns: Lohnt sich der weltweite Jubel?
Auch ohne sich lange mit Statistiken [1] aufzuhalten, ist wohl jedem Spam-Empfänger klar, dass China zu den ganz Grossen in der Spam-Branche gehört. Das Land steht gleich in zwei unliebsamen Disziplinen auf dem Siegertreppchen: Vom weltweit verschickten Spam-Aufkommen stammt rund jedes fünfte Exemplar von einem chinesischen Rechner; das ist der zweite Platz hinter den USA.
Eine weitere Silbermedaille (gleich hinter Südkorea) gebührt den Chinesen fürs Hosten von durch Spam beworbenen Webseiten. Spammer haben längst herausgefunden, wo sie ihre Kommerzseiten unterbringen können, ohne dass diese dank pflichtbewussten Admins wieder aus dem Netz fliegen. Genau diese Situation solle sich bald ändern - so wird weltweit gehofft, seit eine gute Neuigkeit sich gestern wie ein Lauffeuer verbreitete: China unterzeichnet den so genannten London Action Plan.
Worum es eigentlich geht:
Im Oktober 2004 trafen sich Regierungs-, Datenschutz- und Konsumentenschutzorgane aus 27 Ländern zu einer internationalen Antispam-Konferenz in London. Daraus entstand der "London Action Plan" [2], der zum Ziel hat, Spam über die Landesgrenzen hinaus effizient zu bekämpfen. Nach mehreren Monaten hartnäckigen Verhandelns ist es den Initianten des London Action Plan jetzt gelungen, auch China zu einer Unterschrift bzw. Teilnahme zu bewegen.
Der London Action Plan bezweckt eine Effizienzsteigerung beim internationalen Kampf gegen Spam. Dies soll durch Massnahmen wie diese erreicht werden:
- Schaffen von schnellen Informationswegen zwischen den teilnehmenden Organen
- Förderung von Antispam-Gesetzen und -Massregeln
- Umsetzung und Kontrolle von Antispam-Gesetzen
- Bessere Ausbildung in den Ermittlungsbehörden
- Insgesamt schnelleres Aufspüren und Abschalten von Spamschleudern
- Die Teilnehmer des London Action Plans bilden eine internationale Arbeitsgruppe, die zum Teil auf Tätigkeiten bestehender Organisationen zurückgreift, wie etwa der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung).
Laut einer Mitteilung des britischen Regierungsnetzes GNN [3] ist der London Action Plan zusammen mit seinen bisherigen Mitgliedern auch schon aktiv geworden: Im Februar wurden in einer eintägigen Aktion namens "Spam Sweep" 300'000 Spam-Mails in 30 Ländern untersucht. Dies führte zu 300 grenzübergreifenden Ermittlungsfällen.
Vor kurzem führte der London Action Plan ferner eine Operation "Spam Zombies" durch, in der sich zwanzig Mitglieder und sechzehn zusätzliche Behörden schriftlich an über 3000 Internetprovider wandten, um diese zu ermutigen, geeignete Massnahmen gegen so genannte Spam-Zombies zu ergreifen. Experten schätzen, dass ein Grossteil der Spam-Mails über diese mit Spam-Trojanern infizierten PCs verschickt wird.
In der Mitgliederliste [4] geben sich hochkarätige Organisationen ein Stelldichein. Um nur einige herauszupicken: Die US-amerikanische Handelskommission (Federal Trade Commission) ist nicht nur Mitglied des Projekts, sondern darin sogar federführend. Mit von der Partie ist auch die Korean Information Security Agency. Nicht zuletzt erscheint auch das Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) in der Liste des erlauchten Antispam-Kreises.
Nur belegt aber ausgerechnet die USA in der Liste der Spamversender immer noch mit Abstand den ersten Platz. Südkorea ist derzeit das Spammer-Hosting-Land Nummer Eins. Und auch die Mitgliedschaft der Schweiz ändert nichts an der Tatsache, dass die Eidgenossen ihre zwei bis drei grössten Spam-Nervensägen immer noch nicht los sind.
So viele namhafte Organisationen schaffen es also trotz ihres schönen Antispam-Clubs nicht, in ihren eigenen Ländern mit dem Spamproblem aufzuräumen. Man fragt sich, ob sich der London Action Plan weiterhin auf ein paar Serienbriefchen an ISPs (siehe Projekt "Spam Zombies") beschränkt. Auch schienen die Ermittlungen im Rahmen des Projekts "Spam Sweep" nicht zu Verhaftungen, Gefängnisstrafen oder hohen Geldbussen zu führen. Nicht zuletzt ist es anzuzweifeln, dass die Mitglieder des Antispam-Pakts überhaupt die erforderlichen rechtlichen Mittel haben, um gegen die Verursacher von Spam vorzugehen.
All dies lässt den (zugegeben: plakativen) Schluss zu, dass es sich auch bei diesem "London Action Plan" nur um einen weiteren Papiertiger handelt. Es macht den Anschein, dass jedes der Mitglieder die Schuldigen gerne ausserhalb der eigenen Landesgrenzen ausmacht; aber die eigenen Spamsünder unbehelligt weiterspammen lässt. Was viele nicht wissen: Die Täter sind zumeist namentlich bekannt [5]. Die Opfer der Spammer - namentlich mehrere hundert Millionen PC-Benutzer in aller Welt - wollen endlich Resultate sehen, anstatt nur über Unterschrifts-Zeremonien zu lesen.


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