Tests 06.11.2015, 11:06 Uhr

Test: Apple TV 4

Spielkonsole? Mediacenter? TV-Ersatz? Wir haben die kleine Box auf ihre Tauglichkeit in der guten Stube getestet.
Apple TV geht in die vierte Runde, und dieses Mal soll alles besser werden: Mehr Kanäle, mehr Spiele und überhaupt mehr Möglichkeiten werden versprochen. Zwar erfreute sich die kleine schwarze Box einer stetig wachsenden Beliebtheit, doch der grosse Durchbruch hat noch nicht stattgefunden. Das soll sich ändern. Die neuste Generation erhält ihren eigenen App Store. Damit erweitern sich die Möglichkeiten schier endlos: als TV-Box, als Videospielkonsole und als Mediacenter.
Mehr Unterhaltung durch Apps: Apple TV 4
Quelle: Apple, Inc.

Hardware

Anschlüsse. Die augenfälligsten Änderungen befinden sich auf der Rückseite: Geblieben sind der HDMI- und der Ethernet-Anschluss. Natürlich ist auch WLAN-AC und Bluetooth an Bord. Neu ist die USB-C-Schnittstelle; sie ist jedoch nicht für Endbenutzer, sondern für Entwickler und Servicedienste vorgesehen. Die 3,5-mm-Klinkenbuchse der Vorgänger fehlt hingegen. Damit ist der direkte Anschluss von Lautsprechern Geschichte. Stattdessen werden Audiosignale nur noch via HDMI ausgegeben.
Die 3,5-mm-Klinkenbuchse ist Geschichte
Quelle: Apple, Inc.
Prozessor. Im Inneren werkelt der Apple A8. Der 64-Bit-Chip hat seine Fähigkeiten bereits im iPhone 6 (Plus) unter Beweis gestellt. Er unterstützt Apples eigene Grafikarchitektur Metal, mit der sich aufwendige Effekte relativ einfach und doch sehr Hardware-nah programmieren lassen.
Speicher. Apple TV 4 ist mit 32 GB oder 64 GB Flash-Speicher erhältlich. Mehr Speicher bedeutet mehr Apps, die gleichzeitig präsent sind. Ausserdem können dynamische Inhalte aus dem Internet länger gepuffert werden. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie später erneut geladen werden müssen. Auf die Leistung hat der Speicher jedoch keinen Einfluss.
Kein 4K. Apple TV unterstützt keine 4K-Wiedergabe. Diese Einschränkung hat im Netz für ellenlange Diskussionen gesorgt – umso mehr, weil das neue iPhone 6s (Plus) meisterlich mit 3840 x 2160 Pixeln filmt. Wie schlimm das ist, liegt im persönlichen Ermessen. Die Benutzeroberfläche sieht auch in Full HD toll aus. Die gemieteten Filme in iTunes sind jedoch bestenfalls Full-HD-Mittelmass – eine bessere Kompression würde wohl mehr bringen als eine höhere Auflösung. Trotzdem ist diese Einschränkung ärgerlich: Fotos sind genauso auf 1080p genauso beschränkt wie Netflix und andere Streaming-Dienste, die 4K dankenswerterweise vorantreiben.

Die Fernsteuerung

Die Tasten auf der neuen Fernsteuerung sind übersichtlicher angeordnet als beim Vorgänger. Am oberen Ende befindet sich ausserdem eine Touch-Oberfläche, mit der durch die Menüs gewischt oder Spieleaktionen gesteuert werden können. Diese Fläche ist gleichzeitig eine Taste mit einem sehr angenehmen Druckpunkt.
Die Fernbedienung ist von Grund auf neu konzipiert
Quelle: Apple, Inc.
Weniger angenehm ist die absolute Symmetrie des Gehäuses und der Tasten: Im Dunkeln wird die korrekte Ausrichtung zum Glückspiel. Da hilft nur ein genauer Blick oder die Orientierung an der raueren Touch-Oberfläche. Nur zu leicht wird statt eines Kanalwechsels die eigene Wampe einer Infrarotbestrahlung unterzogen.

Inbetriebnahme

Alles automatisch. Die Installation gestaltet sich denkbar einfach. Im besten Fall befindet sich das iPhone in der Nähe. Wenn dieses beim ersten Start nahe an das Apple TV gehalten wird, übernimmt die schwarze Box automatisch das WLAN-Kennwort und die Apple-ID. Wenn nicht, werden im Assistent ein paar Schritte mehr durchlaufen.
Keine Tastatur. Nicht nur bei der Installation wird eine Tastatur schmerzlich vermisst. Laut Apple werden keine Bluetooth-Keyboards unterstützt. Die App Remote, die bei den vorherigen Geräten helfend eingesprungen ist, wird «noch nicht unterstützt».
Und so bleibt es dem Anwender überlassen, die Buchstaben elend herbeizufummeln: bei der Eingabe der Benutzernamen und Kennwörter, bei der Anmeldung auf YouTube und bei der Suche nach bestimmten Apps oder Filmen.

Kein Siri

Denn eigentlich ist diese unwürdige Zeicheneingabe nur ein Notnagel, weil sich Apple TV sprachgesteuert über Siri bedienen lässt. Zumindest besagt das die Theorie. Tatsächlich wird diese Funktion in der Schweiz erst später nachgereicht, und das hat gute Gründe: Im iTunes Store werden zahlreiche Inhalte angeboten, die englische Namen und Bezeichnungen enthalten: Filmtitel, Musik, Schauspieler, Sänger und dergleichen mehr. Ein Spanier spricht jedoch einen englischen Namen anders aus, als ein Franzose oder ein Schweizer. Deshalb wird zurzeit in lokalen Sprachlabors die Aussprache der Nichtamerikaner analysiert und in Siri eingebunden. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.

Die Oberfläche

Natürlich ist die Optik vom Feinsten und sieht topmodern aus. Allerdings wird jetzt schon eine Flut an Apps und Kanälen angeboten. Zurzeit befinden sich diese Symbole alle auf einer Seite. Zwar lassen sie sich mit der Fernbedienung anordnen, aber das ist auch schon der Gipfel der Organisation. Hingegen ist es nicht möglich, Spiele, Kanäle und andere Apps auf mehreren Seiten zu gruppieren.
Familientauglich: die Oberfläche
Trotzdem: Die Bedienung ist uneingeschränkt familientauglich – und dieser Vorzug kann gar nicht genug betont werden. Schluss mit den selbstgebastelten Mediaboxen mit ihren halbgaren Oberflächen. Vorbei die Zeiten, in denen der Nerd-Papi einen Barbone-PC neben den Fernseher stellte und die Familie zu einer monatlichen Schulung antraben musste. Denn Apple TV kennt praktisch keine Lernkurve.

Alles automatisch

Der HDMI-Anschluss versteht sich mit dem CEC-Standard (Consumer Electronics Control). Dieser erlaubt auf kompatiblen Geräten die Steuerung von Receivern und Fernsehern mit einer Fernbedienung – und zwar ohne die Eingabe von Gerätecodes oder dem Anlernen von Signalen. Unser Testgerät hing an einem Yamaha-Receiver mit angeschlossenem Samsung-Fernseher. Sobald eine Taste an der Remote gedrückt wird, schalten sich Apple TV, Fernseher und Receiver ein. Der Receiver wechselt automatisch auf den richtigen HDMI-Anschluss, anschliessend lässt sich die Lautstärke des Receivers über die Apple Remote steuern. Herrlich! Bei älterem Equipment, das nichts mit CEC anfangen kann, lässt sich zumindest die Steuerung der Lautstärke anlernen, aber nicht der automatische HDMI-Wechsel.
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Apps und App Store

Die Apps entscheiden das Spiel

Die wichtigste Neuerung ist zweifelsohne der App Store, durch den sich die Box in alle Richtungen erweitern lässt.
tvOS. Apple TV läuft unter tvOS, das wiederum auf iOS basiert. Das macht das Leben der Entwickler natürlich sehr viel einfacher. Eine App kann gleichzeitig für das iPhone, das iPad und Apple TV angeboten werden, wenn das in den Absichten des Entwicklers liegt. In der Praxis sind das vor allem Apps, die nichts kosten und möglichst viele Anwender erreichen wollen. Typische Beispiele sind die Apps für kostenpflichtige Dienste wie Netflix oder Spotify – aber auch Gratisspiele, die sich über In-App-Käufe finanzieren. Hingegen ist es nicht möglich, reine iOS-Apps auf Apple TV zu verwenden, weil der Programmcode ein anderer ist.
Fehlende Übersicht. Die «Ordnung» im App Store ist zurzeit absolut unbefriedigend. Zwar gibt es einen Bereich mit vorgestellten Apps, aber bis zu diesem Zeitpunkt lassen sich nicht einmal die einzelnen Kategorien aufrufen. Immerhin soll sich das bereits in den nächsten Tagen ändern.
Ausserdem werden zurzeit nur die von Apple vorgestellten Apps angezeigt, aber nicht das ganze Sortiment. Das dürfte einige Entwickler ziemlich frustrieren: Wer es nicht in die Ränge schafft, existiert auch nicht. Dabei wären die Schnittstellen bereits vorhanden. Die Website slidetoplay.com zeigt die Neuzugänge aller Apps nach Kategorien sortiert – es liegt also nur an der Implementierung durch Apple.

Spiele und Controller

Egal, von welcher mobilen Plattform die Rede ist: Am meisten Geld fahren immer die Spiele ein. Deshalb soll Apple TV die Konsole für Gelegenheitsspieler sein, die es nicht auf komplizierte Steuerungen und epische Spielwelten abgesehen haben. Das sind die Fakten:
Remote als Controller. Die mitgelieferte Remote muss zwingend von allen Spielen als Eingabegerät unterstützt werden. Dazu dienen nicht nur die Tasten, sondern auch der Gyrosensor, mit dem die Position der Steuerung im Raum ermittelt wird. Kurz, das Vorgehen erinnert an Nintendos Fuchtel-Controller Wii Remote.
Controller. Hingegen bleibt die Unterstützung klassischer Gamepads der Gnade des Entwicklers überlassen. Zwei dieser Eingabegeräte lassen sich über Bluetooth verbinden. Apple selbst pusht den «Nimbus» von Steelseries, dessen Ergonomie und erst recht die Verarbeitung schwer beeindrucken. Allerdings funktionieren auch alle anderen Controller, die MFi-zertifiziert sind («Made For iPhone»), wie zum Beispiel der C.T.R.L. iMobile von Mad Catz.
Von Apple propagiert: der «Nimbus» von Steelseries
Quelle: Apple, Inc.
Grafik. Und wie gut sehen die Spiele aus? Das hängt natürlich von den Fähigkeiten der Programmierer ab, doch der schnelle Prozessor und Metal befördern Apple TV schnurstracks in die Klasse der «echten» Konsolen. Die Grafik ist aufgrund fehlender Vergleichstitel schwer zu quantifizieren. Doch was Titel wie Oceanhorn oder Galaxy on Fire vorlegen, entspricht mindestens einem sehr gut gemachten Game für die Sony PlayStation 3 oder die Xbox 360. Die aktuelle Wii U dürfte sich etwa auf Augenhöhe befinden.
Die Grafik hält mit den klassischen Spielkonsolen problemlos mit
Handschlaufe. Da der Controller bei einigen Spielen herumgeschwungen wird, sollte er am Handgelenk gesichert sein. Apple bietet dazu eine einfache Handschlaufe, die «Remote Loop». Sie wird einfach mit dem Lightning-Anschluss verbunden, über den die Fernbedienung auch geladen wird. Die Schlaufe hält bombenfest, weil der Stecker mit zwei Widerhaken fixiert wird, die erst auf Knopfdruck eingezogen werden. Gehört diese 15-Rappen-Schlaufe zum Lieferumfang? Nein – aber sie kann im Apple Store als 15-Franken-Schlaufe bestellt werden.
«Cha-Ching!»
Quelle: PCtipp
Vernachlässigtes GameCenter. Leider wird Apples GameCenter kaum unterstützt – also jene Online-Identität, über die persönlichen Erfolge, Freunde und Speicherstände synchronisiert werden. Das GameCenter ist zwar aktiv, aber nur für die Apple-ID des angemeldeten Benutzers.
Wenn jemand anderes spielen und dabei GameCenter verwenden möchte, muss er den aktuellen Benutzer abmelden und sich danach mit der eigenen Apple-ID anmelden. Mit der E-Mail-Adresse. Und dem Kennwort. Ohne Tastatur und nur mit der Remote. Lieber schaue ich den Zehennägeln beim Wachsen zu, als mir das ein einziges Mal anzutun.

Noch mehr Apps

Doch schliesslich gibt es noch mehr Kategorien, als nur Spiele. Besonders interessant sind:
Spartenkanäle. Kochkurse, Arte-Beiträge und mehr: Diese Kanäle widmen sich einem bestimmten Thema und bieten Beiträge auf Abruf.
Filme und Fernsehen. Natürlich sind auch Videoportale wie YouTube, Netflix oder Teleboy an Bord, weil sie auch in der Schweiz verfügbar sind. Andere Dienste wie der amerikanische Kabelanbieter «HBO» werden aufgrund des Standorts nicht eingeblendet, weil sie bei uns nicht abonniert werden können.
Mediacenter. Wer seinen NAS mit Apple TV verbinden möchte, wird hier glänzende Augen bekommen – vermutlich. Denn noch beschleicht einen das Gefühl, dass die Apps von Drittanbietern mit der heissen Nadel gestrickt wurden, um beim Start dabei zu sein. So brachten wir das bekannte (oder besser: berüchtigte) Mediacenter PLEX natürlich nicht zum Laufen. Doch die Konkurrenz schläft nicht. VLC ist dem Vernehmen nach bereits in der Entwicklung, genauso wie die Client-Apps für die populären NAS-Geräte von Synology. Kurz, dieses Thema ist hochspannend, aber vermutlich erst in ein paar Wochen spruchreif.
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Kaufberatung und Fazit

Einschätzung

Die Möglichkeiten sind vorhanden und das Potenzial ist enorm. Trotzdem wirkt Apple TV 4 wie die Beta-Version einer attraktiven Mediabox. Wir vermissen den Feinschliff, der ein Apple-Produkt über die Masse erhebt. Vielleicht wollten die Kalifornier auf keinen Fall das Weihnachtsgeschäft verpassen, wer weiss das schon.
Die Oberfläche ist zwar Zucker, aber zu wenig strukturiert. Dem App Store fehlt die Übersicht. Die Text-Eingaben mit der Fernbedienung schüren den Hass auf alles Digitale. Siri ist in der Schweiz noch nicht freigegeben. Zu guter Letzt fehlt eine Verwaltung der GameCenter-Accounts – und das bei einem Gerät, das als Spielkonsole mitten im Wohnzimmer steht.
Zum Glück sind diese Kritikpunkte in der Software begründet. In den nächsten Wochen wird Apple mit Updates nachlegen, während die Entwickler dazulernen. Denn am Ende wird die Schlacht zwischen den rivalisierenden Mediaboxen von Apps entschieden, und in diesem Bereich ist Apple am besten aufgestellt. Ausserdem ist die Bedienung der kleinen Box uneingeschränkt familientauglich – und an dieser Hürde scheitern die meisten Mitbewerber.

Fazit

Apple TV 4 gefällt – und es wird in einem halben Jahr noch viel mehr gefallen, dem App Store sei Dank. Wenn Sie eine potente, leicht zu bedienende Mediabox für die ganze Familie suchen, dann können Sie mit diesem Gerät bereits heute nichts falsch machen. Allerdings sollten Sie auch ein wenig Geduld mitbringen, bis der erste Reifeprozess in ein paar Wochen abgeschlossen ist.

Testergebnis

Oberfläche, App Store, Bedienung, Fernbedienung, Gamepad-Unterstützung
Anstrengende Texteingaben, keine variable GameCenter-Unterstützung, App-Verwaltung, keine 4K-Wiedergabe, Siri (noch) nicht verfügbar

Details:  HDMI 1.43, WLAN nach 802.11ac mit MIMO, 10/100BASE‑T Ethernet, Bluetooth 4.0, USB-C für Service und Support, Fernbedienung mit Lightning-Anschluss und Akku

Preis:  169 Franken (32 GB) resp. 229 Franken (64 GB)

Infos: 
www.apple.com/chde/tv/

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