Schweizer Bauern-Game 14.02.2022, 09:00 Uhr

Landwirtschafts-Simulator 22 (Farming Simulator 22) im Test

Das grösste Videogame der Schweiz erhält ein grosses Upgrade, wiederholt aber auch einige alte Fehler.
Version 22 des Farming Simulator kommt mit einigen grossen Neuerungen
(Quelle: GIANTS Software)
Simulator-Games haben in der Gaming-Branche einen zweifelhaften Ruf. Das nicht ganz ohne Grund. Schliesslich ist der Markt übersättigt mit liederlich zusammengeschusterten Games, die primär schnell ein wenig Kohle mit einem Nischenprodukt machen wollen. Dann gibt es noch die ganzen Kopien von erfolgreichen Simulatoren, welche mit absichtlich ähnlichen Namen Kunden zu verwirren versuchen. Und manchmal fehlt es einfach an der Kompetenz, auch wenn der Versuch gut gemeint war. Mit dem Aufkommen von Live-Streaming wurden Simulator-Games dann zu beliebten Zielen von Streamern, welche die Games anfänglich hauptsächlich ironisch spielten und sich über die miese Qualität lustig machten. Das gipfelte über die nächsten Jahre in diversen Games, die gezielt Simulator-Games parodierten und damit versuchten, von Streamern Aufmerksamkeit zu erhalten. Man erinnere sich beispielsweise an den seinerzeit unglaublich populären Goat Simulator (unser Test 2014).
Wie es aber so oft passiert, fanden Streamer und Gamer zwischen den lustigen «Chabis»-Games auch einige versteckte Perlen. Besonders zwei Entwickler konnten in diesem Simulator-Boom Fans gewinnen: Das tschechische Studio SCS Software mit Euro Truck Simulator 2 und American Truck Simulator und Giants Software aus Schlieren mit dem Landwirtschafts-Simulator. Wobei wir auch beim heutigen Thema wären. Und weil wir bereits die teilweise absichtlich verwirrenden Namen angesprochen haben: Im deutschsprachigen Raum heisst das Game Landwirtschafts-Simulator 22. Die Mehrheit der Welt kennt allerdings den Farming Simulator 22. Anderer Name, gleiches Game.
Die neuste Ausgabe des Landwirtschafts-Simulators kommt genau genommen ein Jahr zu spät. Seit 2009 erschienen die Games der Haupt-Spielreihe jeweils mit ungeraden Jahreszahlen, während Mobile- und Switch-Versionen gerade Jahreszahlen trugen. Entwickler Giants Software wollte erst einmal abwarten, was die neue Konsolengeneration zu bieten hat. Entsprechend ist der Landwirtschafts-Simulator auf ebendieser Konsolengeneration auch vertreten. Das Game ist für Windows, macOS, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S und den Streamingdienst Stadia verfügbar, wobei die Windows-Version aktuell die beste Option ist.
Das liegt vor allem an zwei Dingen: Einerseits unterstützt Version 22 neu DirectX 12 und bietet so eine deutlich bessere Performance bei hohen Grafikeinstellungen. Dazu existiert für die PC-Version eine grosse Modding-Community, welche das Game mit vielfältigen Inhalten füttern und so auch langfristig frisch halten.

Neues

Frisch gehalten wird die Spielereihe aber zunächst einmal von den Entwicklern selbst. Version 22 bietet einige spannende Neuzugänge und diverse Verbesserungen im Vergleich zu den Vorgängern. Neu sind Jahreszeiten vorhanden. Und da es sich hier um ein Landwirte-Game handelt, sind die Jahreszeiten nicht nur Dekoration, sondern ein zentraler Aspekt des Spiels. So fällt im Winter beispielsweise Schnee, der geräumt werden muss. Naja, er muss nicht, aber sollte. Ein zentrales Thema im Landwirtschafts-Simulator. Die neuen Jahreszeiten sind ein massives Upgrade und machen die Welt deutlich immersiver als zuvor. Auch wenn die neuen Schneepflüge den Bauernjob nicht gerade günstiger machen.
Die Farm von Elmcreek ist dem US-Midwest angelehnt
Quelle: Screenshot / PCtipp
Gespielt wird auf drei möglichen Maps. Zwei davon sind brandneu, alle drei sind detailliert gestaltet und bieten ein sehr unterschiedliches Spielerlebnis. Elmcreek ist an die weitläufigen Landwirtschaftszonen des US-Midwest angelehnt. Die Map ist flacher als die beiden anderen und einfacher zu navigieren. Strassen und Gebäude sind amerikanisch gehalten. Für maximale Immersion gibt man sein erstes Geld am besten für einen John-Deere-Traktor und einen Pickup-Truck aus und hört dazu das neue Album von Alan Jackson. Die zweite Map in der Liste ist Erlengrat und war schon als Erweiterung für den Landwirtschafts-Simulator 19 verfügbar. Die Ortschaft ist im Stil einer typischen (Deutsch-)Schweizer Berggemeinde gehalten. Architektur, Strassenschilder und andere Details sind einem als Schweizer sofort vertraut. Die hügelige Landschaft macht dafür grossflächige Anbauten etwas komplizierter als in Elmcreek. Südfranzösische Vibes geniesst man auf der dritten Map. Diese heisst Haut-Beyleron und fühlt sich an wie ein kleines Dorf etwas nördlich der Côte Azur. Die von einem Fluss durchschnittene Map ist besonders malerisch und bietet die für die Region typischen Steinhäuser und sogar ein Château auf einem Felsen.
Dass die Hänge von Haut-Beyleron wie geschaffen für den Weinbau aussehen ist kein Zufall. Wein ist nämlich eine der der neuen Feldfrüchte, die im Landwirtschafts-Simulator 22 angebaut werden können. Ebenfalls neu sind Oliven und Sorghum-Hirse. Gerade für die Weintrauben und Oliven sind ordentlich viele neue Maschinen nötig, da sich die Anbau- und Ernte-Methoden hier deutlich von einfacheren Anbauten unterscheiden. Bei den Nutztieren sind Bienen neu im Programm. Bienen sind insbesondere spannend, da sie mit anderen Anbauten harmonieren sollten und etwas anders funktionieren als bisherige Farmtiere.
Die Innenbereiche der verschiedenen Maschinen sind sehr detailliert gestaltet
Quelle: Screenshot / PCtipp
Landwirtschafts-Simulator 22 erscheint mit Geräten von 34 neuen Marken, was das Total auf über 100 bringt. Insgesamt kann mit über 400 verschiedenen Maschinen, Fahrzeugen und Werkzeugen gearbeitet werden. Eine kleine, aber für Puristen entscheidende Neuerung ist die optionale manuelle Gangschaltung. Diese kommt vor allem Spielern mit Lenkrädern zugute. Das Fahrverhalten der verschiedenen Vehikel ist sonst gleichgeblieben. Im Vergleich zu reinen Fahrsimulatoren wie Euro Truck Simulator 2 oder BeamNG.drive wirken die Gefährte etwas gar leichtfüssig und einfach zu lenken. Besonders bei leichteren Fahrzeugen fallen die Defizite der Fahrphysik stärker auf. Am besten also mit dem Mähdrescher einkaufen gehen, für die Immersion.
Die letzte grosse Neuerung ist das Produktionsketten-System. Dabei wird das virtuelle Bauern stärker in die Umwelt eingebunden, was vor allem das Wirtschaftssystem interessanter macht. Diverse Produktionsketten existieren in der Spielwelt. Spieler können sich in diese einbetten oder versuchen, grosse Teile der Kette abzudecken. Beispielsweise kann Baumwolle in einer Spinnerei zu Stoff verarbeitet werden, der dann zu Kleidern verarbeitet, und im Kleiderladen verkauft wird. Spieler können nicht mehr nur Baumwolle anbauen und weiterverkaufen, sondern auch die Spinnerei und den Kleiderladen aufkaufen und somit die gesamte Produktionskette besitzen und davon profitieren.

Gameplay-Loop

Wer den Landwirtschafts-Simulator noch nicht kennt, fragt sich an diesem Punkt bestimmt: Was genau macht man denn den lieben langen Tag auf dem Hof? Je nachdem, wie schwierig man es sich bei den ersten Einstellungen macht, startet man auf dem Hof mit mehr oder weniger Land, Geld und Ausrüstung. Das beeinflusst vor allem die ersten Monate im Spiel. Da man selbst noch über wenig Land verfügt, ist man anfangs relativ schnell mit der Arbeit auf dem eigenen Hof fertig. Zwei oder drei Felder pflügen, entsteinen, säen und düngen geht schnell vorbei. Der Tag hingegen ist lang. Also vertreibt man sich die Zeit mit Aufträgen von anderen Landwirten im Ort. Diese bieten Aufträge gegen Geld an. Diese sind zwar nicht besonders rentabel, anfangs aber fast die einzige Option, während man der ersten Ernte entgegenfiebert. Also pflügt man halt das Feld des Nachbarn für ein paar hundert Dollar, oder hilft anderswo beim Düngen aus. Bringt man eigenes Equipment, gibt es mehr Geld. Für grössere Aufträge kann es sich aber auch lohnen, Maschinen zu mieten.
Zu Beginn muss man sich oft mit Aufträgen die Zeit vertreiben
Quelle: Screenshot / PCtipp
Wer weniger am Traktorfahren und mehr an der Organisation interessiert ist, kann die meisten Aufträge auch automatisieren. Dafür stellt man einfach eine KI-Aushilfskraft an und lässt diese für einen Hungerlohn die Dreckarbeit machen, während man auf der Farm die Füsse hochlegt und die Sonne geniesst. Fairerweise muss man sagen, dass die KI-Hilfen gar nicht so schlecht bezahlt werden und doch einen ordentlichen Teil des Profits verdunsten lassen. Wer also schnell an Geld kommen will, sollte so viel wie möglich selbst erledigen. Besonders wichtig ist es, die KI-Hilfen nicht aus den Augen zu verlieren. Die KI ist nämlich nicht ganz so intelligent wie man sich das wünschen würde und bleibt öfters mal wegen kleinen Hindernissen hängen und stellt den Betrieb ein. Aber: Der Auftrag wird in diesem Fall nicht abgebrochen, die KI wird also weiterhin bezahlt. Bleibt eine KI-Hilfe hängen, wird man zwar vom Game informiert. In der Hitze des bäuerlichen Gefechts kann die Meldung aber leicht übersehen werden.
Im späteren Spielverlauf kümmert man sich dann mehr um die eigene Farm. Je mehr Land man sich zukaufen kann, desto mehr Arbeit steht an. Dafür braucht es mehr Equipment und dafür wiederum mehr Geld, weshalb man sich mehr Land kauft, um mehr anbauen und ernten zu können, und den Umsatz zu erhöhen. Kapitalismus eben. Eines steht fest: Die Tage, die einem anfangs noch endlos erscheinen, sind schnell vollgepackt mit Arbeit und fliegen nur so dahin. Wie schnell die Zeit vergeht, lässt sich übrigens einstellen und kann das Spiel recht drastisch verändern.
Als neuer Spieler verbringt man viel Zeit hier
Quelle: Screenshot / PCtipp
Wer sich strukturierte, storybasierte Games gewöhnt ist, muss sich beim Landwirtschafts-Simulator vor allem an die nötige Eigeninitiative gewöhnen. Nach einem kurzen Tutorial beim ersten Spielstart wird man direkt vom Zehnmeterturm ins eiskalte Nass katapultiert. Als neuer Spieler steht man dann erst einmal einen Moment vor der Haustüre, starrt auf das Feld hinaus und macht sich bewusst, dass man jetzt selbst wissen muss, wie es weitergeht. Und eben das weiss man als Neuling nicht wirklich. Das Tutorial stupst einen in die richtige Richtung, die Details muss man aber selbst rausfinden. Im Spiel selbst erhält man relativ wenig Hilfe. Das hat auch Giants Software gemerkt und bietet eine ausführliche Tutorial-Webseite an, die bereits auf dem Startbildschirm des Games verlinkt wird. Nicht die eleganteste Lösung, aber bei einem so komplexen Game fast nicht anders machbar. Die Tutorials drehen sich dann hauptsächlich darum, wie Dinge funktionieren. Wie man sie effizient verwendet und dabei nicht Konkurs geht, muss man weiterhin selbst rausfinden, aber das ist ja der halbe Spass des Spiels.

Steuerung & Menüführung

Wie bei vielen PC-Games mit Fahr-Elementen ist ein Controller empfehlenswert. Idealerweise wechselt man aber zwischen Controller und Tastatur/Maus hin und her (fliegende Wechsel klappen problemlos). Sobald man sich in ein Gefährt setzt, macht der Controller Sinn. Ausserhalb ist die Präzision der Maus angenehmer. Beim Landwirtschafts-Simulator kommt noch dazu, dass die Steuerung relativ komplex ist und viele verschiedene Knöpfe verwendet. Auf dem Controller ist dafür schlicht kein Platz, weshalb man dann ständig mit Modifikatoren arbeiten muss (z.B. LB halten und dann A drücken, statt eines einzelnen Tastendrucks). Das geht auf der Tastatur leichter. Dafür muss man sich zwei sowieso schon umfassende Tastenbelegungen merken, was auch nicht ohne ist. Glücklicherweise kann man die aktuell verfügbaren Tasten permanent einblenden lassen, was gerade zum Spielbeginn enorm hilft.
Das Interface ist nicht immer ganz einfach zu bedienen
Quelle: Screenshot / PCtipp
Verbesserungspotenzial gibt es bei der Menüführung. Da der Landwirtschafts-Simulator neben der physischen Bauernarbeit auch viel Organisatorisches erfordert, sind Menüs ein grosser Teil des Spiels. Praktisch alle Menüs findet man über das gleiche Hauptmenü hinter der ESC-Taste. Dort schaltet man am linken Rand verschiedene Tabs durch und erhält so Informationen zu verschiedenen Themen. Einige der Panels sind sehr gut gestaltet, andere hingegen verbesserungsfähig. Besonders bei der Karte dürfte es mehr Informationen für Einsteiger geben. Beispielsweise kleine Popups zu den einzelnen Läden und Lokalitäten, die erklären, was dort passiert.

Grafik und Sound

Grafisch ist Version 22 ein Schritt nach vorne. Dies einerseits durch die DirectX-12-Unterstützung, aber auch durch neue Technologien. Die neuen Reben und Olivenbäume sehen ebenfalls prächtig aus. Jede der drei Maps ist mit viel Detail ausgearbeitet und wirkt authentisch. Mit den ganz Grossen kann der Landwirtschafts-Simulator grafisch nicht mithalten, aber für den Zweck sieht das Game absolut gut genug aus. Wirklich störend ist nur etwas: Der LOD-Kreis ist noch immer sehr auffällig. Soll heissen: Ab einer gewissen Distanz vom Spieler wird der Detailgrad heruntergefahren, um die Performance zu verbessern. Dafür verwenden die meisten Games Assets mit niedrigerem Detailgrad (LOD, Level of Detail), was auf Distanz nicht gross auffällt, aber die Belastung des PCs deutlich reduziert. Beim Landwirtschafts-Simulator geschieht dies in einem Kreis um den Spieler herum. Allerdings ist der Sprung von vollem Detail zu niedrigem Detail teilweise sehr drastisch. In einem Sonnenblumenfeld verschwinden so alle Sonnenblumen ab einer gewissen Distanz komplett. Fährt man also durch ein grosses, Feld von Sonnenblumen, sieht man am anderen Ende des Feldes nur eine grüne Wiese, auf der langsam mehr Sonnenblumen «aufklappen», sobald man in die Richtung fährt. In bisherigen Versionen konnte dieses Problem mit Mods ausgehebelt werden, sofern die Hardware stark genug war. Allerdings wäre es nett, dies standardmässig tun zu können, oder zumindest die Detail-Abstufung etwas geschmeidiger zu gestalten.
Sonnenblumen so weit das Auge ... naja eben nicht ganz so weit
Quelle: Screenshot / PCtipp
Beim Sound fällt der Landwirtschafts-Simulator weder besonders positiv noch negativ auf. Die Geräuschkulisse der Landschaft ist nett und detailliert, schön mit Vogelgezwitscher, rauschenden Bächen und wehendem Wind. Die meisten Motoren der Fahrzeuge klingen gut, wenn auch nicht überragend.
Was dem Game noch ein wenig fehlt, ist hingegen Leben, vor allem Leben, mit dem man selbst interagieren kann. Giants Software hat bereits sehr viel passives Leben eingebaut. Beispielsweise durch Vögel und andere Wildtiere. Verkehr auf den Strassen gibt es wenig, was aber für die ländlichen Gegenden gar nicht so abwegig ist. Was hingegen fehlt, ist menschliche Interaktion. Eingekauft wird Online, danach holt man die Ware vor dem lokalen Laden ab. Ein ansprechbarer Ladenbesitzer hätte hier viel zur Belebung der Welt beigetragen. Gleiches gilt für die anderen Bauern in der Welt. Diese geben einem zwar Aufträge über ein Menü und besitzen Land. Von deren Bauernarbeit sieht man aber kaum etwas. Menschen auf der Map existieren praktisch nur als herumirrende Menschenmodelle ohne speziellen Charakter oder Zweck. Vielleicht in einer späteren Version einmal.

Fazit

Version 22 des Landwirtschaft-Simulators bringt einige attraktive Neuerungen. Besonders die Jahreszeiten und Produktionsketten sind grosse Schritte nach vorne und machen das Spiel deutlich immersiver als bisher. Die neuen Tutorials sind zwar nicht elegant eingebaut, aber für neue Spieler enorm hilfreich. Verbesserungspotenzial gibt es vor allem bei der Menüführung und dem unsäglichen Detailkreis. Viele der kleineren Probleme können auch mit Mods einfach aus dem Weg geschaffen werden.

Testergebnis

Spielumfang, Detailgrad
Schwieriger Einstieg, Menüführung

Details:  Bauern-Game für Windows, macOS, PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series S/X, Stadia, Deutsch, Englisch und weitere Sprachen

Preis:  Fr. 44.90

Infos: 



Kommentare
Es sind keine Kommentare vorhanden.